Ursprünglich veröffentlicht von Vectors of Mind.

Dan Ackerfeld und Roger Bacon sprechen mit mir über More Than Allegory: On Religious Myth, Truth, and Belief von Bernardo Kastrup. Wir setzen uns eingehend mit Kastrups herausfordernder Philosophie des analytischen Idealismus auseinander, die postuliert, dass die Wirklichkeit ihrem Wesen nach mental ist („Mind at Large“). Das Gespräch behandelt seine Deutungen des Mythos, die Unterscheidung zwischen wörtlicher und transzendenter Wahrheit, seine Kritik am Materialismus, starke jungianische Einflüsse sowie die weiterreichenden Implikationen einer Auffassung des Kosmos als Bewusstsein.
Shownotes:#
(00:00:23) Einführung und Hintergründe der Gäste
- Andrew Cutler: Datenwissenschaftler, der über die Evolution des Bewusstseins bloggt.
- Dan Ackerfeld: Psychologe, schreibt bei Mind of Mythos und interessiert sich für Psychologie, Philosophie, Mythos und Narrativismus.
- Roger Bacon: Pseudonymer Blogger (Philosophie, Kunst, Spiritualität), Herausgeber der Zeitschrift Seeds of Science. Interessiert an spekulativen Ideen.
(00:03:29) Überblick über Bernardo Kastrups analytischen Idealismus (Zusammenfassung von Roger)
- Grundidee: Eine Metaphysik, die vom Geist ausgeht. Der Kosmos ist seinem Wesen nach mental („Mind at Large“). (00:04:14)
- Kritik am Materialismus: Kastrup betrachtet den Materialismus als logisch fehlerhaft („Unsinn“) und psychologisch schädlich; er bezeichnet ihn als einen „verarmten Mythos“, der zu Nihilismus und Verzweiflung führt. (00:05:05, 00:05:35)
- Analytischer Ansatz: Er verwendet Logik und Vernunft, um gegen den Materialismus und für den Idealismus zu argumentieren. (00:04:46, 00:05:47)
- Bewusstsein: Wir sind Instanzen („Altäre“) eines umfassenderen Bewusstseins. (00:06:00, 00:35:02)
- Raum/Zeit/Materie: Sie gelten als Erscheinungen oder Konstrukte innerhalb des Mind at Large und nicht als fundamentale Wirklichkeiten. (00:04:37, 00:08:04)
(00:06:14) Erste Reaktionen und Kastrups Stil
- Einigkeit darüber, dass Kastrup sich eloquent ausdrückt, in seiner Kritik am Materialismus jedoch aggressiv sein kann (etwa wenn er ihn als „Unsinn“ bezeichnet). (00:06:41)
- Anerkennung dafür, dass Kastrup „Nägel mit Köpfen macht“ und eine kohärente idealistische Weltanschauung vorlegt, anders als jene, die nur vorsichtig andeuten, dass Bewusstsein fundamental sei. (00:07:16)
- Diskussion darüber, ob Kastrup die Offensichtlichkeit seiner Position überbetont. (00:07:11)
- Die Gäste äußern eine Präferenz für Kastrups Buch gegenüber seinen Podcastauftritten. (00:06:29)
(00:09:15) Kastrups Begriff von Mythos und Wahrheit
- Definition des Mythos: Jeder interpretative Rahmen, der dazu dient, Wahrnehmungen oder Sinneserfahrungen mit Bedeutung zu versehen. Dazu gehören wissenschaftliche Hypothesen ebenso wie religiöse Erzählungen. (00:09:56, 00:10:24)
- Wörtliche Wahrheit: Sie bezieht sich auf die konsensuelle Wirklichkeit, die von mehreren bewussten Beobachtern geteilt wird. Dies impliziert keine externe materielle Welt. (00:11:01)
- Transzendente Wahrheit: Wahrheiten über die Wirklichkeit, die sich in Sprache nicht vollständig erfassen lassen; häufig werden sie symbolisch durch Mythen, Träume und das Unbewusste ausgedrückt. Sie verweisen auf tiefere, nichtwörtliche Wirklichkeiten. (00:11:45, 00:15:04, 00:16:07)
(00:12:01) Jungianischer Einfluss und symbolische Interpretation
Kastrup ist stark von Carl Jung beeinflusst, den er als analytischen Idealisten und wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts betrachtet. (00:12:01, 00:12:17)
Mythen enthalten transzendente Wahrheiten, die durch Archetypen und Symbole ausgedrückt werden, welche vom kollektiven Unbewussten hervorgebracht werden.
Beispiele:
- Die Kreuzigung: Sie symbolisiert, am Kreuz (der Schnittstelle) von Raum und Zeit zu sein. (00:12:32)
- Schöpfungsmythen (die Traumzeit der Aborigines, Hermetik usw.): Sie weisen auf eine transzendente Wahrheit hin, der zufolge ein Gott die Wirklichkeit träumt und in sie eintritt. (00:13:16, 00:13:49)
- Ouroboros: Er symbolisiert die paradoxe, selbstreferenzielle Natur der Wirklichkeit bzw. des Geistes. (00:15:18)
(00:16:20) Kritik: Diffusion von Mythen versus kollektives Unbewusstes (Andrews Sicht)
- Andrew hinterfragt die Berufung auf das kollektive Unbewusste zur Erklärung ähnlicher Mythen in aller Welt.
- Diffusionshypothese: Sie besagt, dass sich Mythen (wie Adam und Eva als Erinnerung an Metakognition oder der Ouroboros bzw. die Schlangensymbolik) im Lauf der Geschichte durch menschliche Migration und kulturellen Austausch verbreitet haben (etwa ein „Bullroarer-Mysterienkult“). (00:17:13, 00:17:47)
- Er argumentiert, Diffusion sei eine sparsamere Erklärung als ein mystisches Überbewusstsein, bleibt Letzterem gegenüber jedoch agnostisch. (00:17:58, 00:18:38)
- Dan weist darauf hin, dass Jung für Archetypen ebenfalls evolutionäre bzw. genetische Erklärungen des Gedächtnisses hatte und nicht nur mystische. (00:18:51, 00:19:03)
(00:22:14) Das Problem der Regelmäßigkeit in einer idealistischen Welt
- Wenn die Wirklichkeit ein Traum ist, warum folgt sie dann konsistenten Gesetzen (den Gesetzen der Physik)? (00:22:16)
- Kastrup scheint die Gesetzmäßigkeit der Wirklichkeit zu akzeptieren, während er den Materialismus zurückweist. (00:23:26)
- Idealistische Erklärung: Die Gesetze der Physik sind „Gewohnheiten“ des Mind at Large. (00:23:47)
- Der Einfluss von Jeffrey Kripal: Erörterung von Kripals Arbeiten zu paranormalen bzw. mystischen Phänomenen, die nahelegen, dass die Wirklichkeit tatsächlich verbogen werden kann, häufig im Zusammenhang mit Momenten intensiven Leidens oder Traumas, die den Geist aus seinen Gewohnheiten aufrütteln. (00:24:01, 00:24:53)
- Kastrups persönliche Erfahrung mit Tinnitus könnte zu einem Perspektivwechsel geführt haben. (00:25:07)
(00:26:22) Neubewertung des Materialismus (Rogers Sicht)
Kastrup betrachtet den Materialismus als rein negativ („verarmter Mythos“).
Roger schlägt vor, dass der Materialismus auch Wahrheit enthalten oder einem Zweck dienen könnte:
- Historisch: ein politisches Werkzeug während der Aufklärung, um die Wissenschaft vom Geist zu trennen und dadurch Freiheit von religiösem Dogma („zu viel Bedeutung“) zu schaffen. (00:26:40)
- Metaphysisch: Die Wirklichkeit könnte paradoxerweise sowohl mental als auch physisch sein; der Materialismus erfasst einen Aspekt davon. Der Zen-Buddhismus dient als Beispiel für einen „nihilistischen“ Weg, der nicht notwendigerweise negativ ist. (00:27:49, 00:28:08)
Dan kann dies nachvollziehen: Er verspürt zwar die Anziehungskraft des Idealismus, erkennt jedoch die fortbestehende Wirklichkeit der physischen Welt im Alltag an. (00:28:25)
(00:29:12) Glaube an übernatürliche Ereignisse
- Glaubt Kastrup, dass die Physik tatsächlich verbogen werden kann? Er vermeidet konkrete Beispiele, um „woo“ zu verhindern. (00:29:42)
- Andrew findet Geschichten über Vorahnungen (etwa dass eine Mutter den Tod ihres Sohnes spürt) am überzeugendsten, bleibt jedoch agnostisch. (00:29:58)
- Roger neigt zu der Überzeugung, dass solche Ereignisse vorkommen, da sie in einen idealistischen Rahmen, in dem sich der „Traum“ verändern kann, besser passen. (00:31:50)
(00:32:53) Ist transzendente Wahrheit statisch oder entwickelt sie sich?
- Ausgehend von Philip K. Dick wird die Frage aufgeworfen, ob sich die grundlegende Natur der Wirklichkeit selbst verändern könnte. (00:32:55)
- Kastrups geschichtetes Unbewusstes: Es legt nahe, dass tiefere Schichten (die die physikalischen Gesetze enthalten) unzugänglich und unveränderlich sind, während die oberen Schichten stärker im Fluss sind. (00:33:36)
- Dies wirft die Frage nach den Beschränkungen von Gottes Träumen auf. (00:34:30)
(00:34:52) Die Rolle der Menschheit: Altäre und Perspektive
- Kastrups Idee: Menschen sind dissoziierte „Altäre“ des Mind at Large. Diese Trennung gewährt, obwohl sie illusorisch ist, eine einzigartige Perspektive, die dem Ganzen nicht zugänglich ist. (00:34:59)
- Analogie zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS): Schöpfung durch Trauma (oder vielleicht Langeweile). (00:36:23, 00:38:29)
- Verbindung zu gnostischen bzw. mormonischen Vorstellungen: Gott im Embryonalzustand, der Schleier des Vergessens und das Sammeln von Erfahrungen durch Verkörperung. (00:35:14)
- Verbindung zu Theorien, denen zufolge sich Metakognition durch traumatische Rituale entwickelt (Andrew unter Berufung auf Dr. Tom Froese). (00:37:06)
(00:39:29) Die Bedeutung der Introspektion (Andrews Punkt)
- Andrew wünscht sich, Kastrup hätte das menschliche Selbstbewusstsein (den Geist, der sich selbst reflektiert, den Ouroboros bzw. die seltsame Schleife) eingehender behandelt; er betrachtet es als eine zentrale Phasenveränderung im Idealismus. (00:39:38)
- Er verbindet Eva („Mutter aller Lebenden“) mit der Geburt der Introspektion. (00:40:01)
(00:40:34) Die Notwendigkeit, einen Mythos zu wählen (Dans Frage)
- Kastrup argumentiert, dass wir uns notwendigerweise auf einen interpretativen Mythos (wissenschaftlichen Materialismus, Christentum, Buddhismus usw.) festlegen müssen, um uns in der Wirklichkeit zu orientieren, selbst wenn es sich um den „Default“-Mythos des Materialismus oder den „Weg ohne Mythos“ (Zen) handelt. (00:40:46, 00:41:29)
- Letztlich können wir nicht wissen, welcher davon „wahr“ ist, weshalb ein Sprung des Glaubens erforderlich ist. (00:40:57)
- Kastrup bevorzugt religiöse Mythen, weil sie Zugang zu transzendenten Wahrheiten ermöglichen. (00:41:00)
- Diskussion darüber, ob Mythen nach ästhetischen Kriterien gewählt werden oder ob manche objektiv „besser“ sind. (00:42:20)
- Kritik, dass Kastrup möglicherweise die Bedeutung kultureller Unterschiede zwischen Mythen übersieht, indem er sie als Ästhetik abtut und sich auf universelle transzendente Kerne konzentriert. (00:42:37, 00:43:12)
(00:44:59) Moral im analytischen Idealismus
- Kastrup betrachtet Moral überraschenderweise als menschliche Konvention, die nicht in der fundamentalen Wirklichkeit verankert ist. (00:45:06)
- Andrew hält dies für inkonsistent: Wenn der Geist die Physik hervorbringt, warum dann nicht auch moralische Gesetze? (00:45:38)
- Dan vermutet, dass dies auf Kastrups eigene modern-liberale Neigungen zurückgehen könnte, die mit objektiven moralischen Gesetzen kollidieren. (00:45:58)
- Vergleich mit Jung: Erörterung des Problems des Bösen (Antwort auf Hiob); Vorstellungen von universellen gegenüber gruppenspezifischen Archetypen bzw. Moralsystemen (etwa im Wotan-Essay). (00:46:37, 00:47:16)
- Argument für eine objektive Moral: Wenn die Wirklichkeit das Mind at Large widerspiegelt, sollte dies auch für dessen Moral gelten. Die Universalität der Goldenen Regel deutet auf eine tiefere Verankerung hin. (00:50:04, 00:51:16)
(00:51:50) Ideen als lebende Entitäten (Rogers Konzept)
- Rogers Essay „Ideas are Alive and You are Dead“: Erkundet Ideen als autonome Entitäten, die möglicherweise von anderswo in unseren Geist gelangen (kollektives Unbewusstes?). (00:52:24)
- Ideen könnten im Bewusstsein „leben“, so wie wir in der Raumzeit leben. (00:53:15)
- Wirft Fragen nach unserem moralischen Verhältnis zu Ideen auf: Können wir einer Idee Unrecht tun? Sollten wir ihre Verwalter oder ihre Mitwirkenden sein? (00:54:32)
- Dan stellt fest, dass das Konzept in Richtung Idealismus drängt, hat aber Schwierigkeiten mit der materialistischen Standardeinstellung. (00:55:34)
(00:57:00) Persönliche Wege & Der Sprung des Glaubens
- Alle Gäste bekunden Interesse an und Anziehung zum Idealismus, räumen jedoch ein, dass es vor dem Hintergrund alltäglicher materieller Erfahrungen und ihrer wissenschaftlichen Ausbildung schwierig ist, ihn vollständig anzunehmen. (00:57:06, 00:58:18)
- Rationale Argumente reichen nur bis zu einem gewissen Punkt; für jede Weltanschauung, einschließlich des Materialismus, scheint ein Sprung des Glaubens notwendig zu sein. (00:59:23, 00:59:42)
- Die Schwierigkeit, aus dem kulturell vorherrschenden Mythos herauszuspringen (derzeit dem Materialismus). (01:00:07)
(01:00:18) Verändert sich die konsensuelle Wirklichkeit?
- Könnte sich die Realität selbst metaphysisch aufgrund kollektiven Glaubens verändern? (z. B.: Hat der Materialismus Gott „getötet“ oder Wunder verbannt?) (01:00:47)
- Wenn dem so wäre, könnte die konsensuelle Wirklichkeit kulturell diffundiert werden. (01:02:30)
- Gegenargument (Andrew): Es gibt keine Hinweise auf eine grundlegend andere Physik in der Vergangenheit; historische Berichte legen Diffusion nahe, nicht spontane göttliche Intervention aufgrund lokaler Glaubensvorstellungen. Das Fortbestehen von Wunderglauben (z. B. in Utah) ohne entsprechende Ereignisse. (01:01:43, 01:03:32)
(01:04:16) Abschließende Gedanken & Fazit
- Dan: Verarbeitet das Gespräch noch immer und findet Kastrup interessant und resonant, ist aber noch nicht vollständig überzeugt. (01:04:26)
- Roger: Stimmt Kastrups Denken in vielem zu, insbesondere seiner psychologischen Kritik am Materialismus. Er schätzt die ästhetische Anziehungskraft einer offenen, dramatischen, mythischen Realität, in der das Leiden möglicherweise einem narrativen Zweck dienen könnte. (01:04:38, 01:05:40)
- Andrew: Empfiehlt, Kastrup direkt zuzuhören bzw. ihn direkt zu lesen. Er schätzt dessen Aufrichtigkeit, sorgfältige Argumentation und die Verbindung technischer und philosophischer Hintergründe. Er befindet sich weiterhin in der Erkundungsphase und ist noch kein analytischer Idealist. (01:07:06)
- Allgemeine Übereinstimmung darüber, dass Kastrup als sorgfältiger, verantwortungsbewusster Denker wertvoll ist, der wichtige Fragen über Bewusstsein und Realität vorantreibt. (01:07:54)
(01:08:21) Buchempfehlung: More Than Allegory: On Religious Myth, Truth, and Belief von Bernardo Kastrup.
