Kurzfassung

  • Das Pronomenmuster 1SG nasal / 2SG labial erstreckt sich über alle großen subsaharischen Phyla.
  • Stabilitätsstudien zufolge überdauern Personalpronomen etwa 10 k Jahre—doch auch sie können unter starkem Sprachkontakt entlehnt werden.
  • Beleg für gemeinsamen Ursprung ≠ oberflächliche Ähnlichkeit. Erforderlich sind ≥ 200 rigoros ausgerichtete Kognatensätze und regelmäßige Lautgesetze; Vorschläge für Makrofamilien liefern diese nur selten.
  • Archäolinguistische Zeitachsen datieren das letzte pansaharische Kontaktfenster (Grüne Sahara) auf 12–8 k BP und stimmen damit genau mit dem Szenario einer Ausbreitung der Pronomen überein.
  • Fazit: Die gemeinsamen Formen sind wahrscheinlich eine areale Diffusionsschicht + universelles zyklisches Muster und kein eindeutiges genealogisches Signal—dennoch bleibt die Frage offen, bis bessere Entsprechungen vorliegen.

1 Warum Übereinstimmungen bei Pronomen Linguisten nervös machen#

Personalpronomen stehen ganz oben auf der „ultrastabilen“ Wortliste[^1], weshalb ererbte Übereinstimmungen bedeutsam erscheinen. Feldberichte bringen jedoch immer wieder Pronomenentlehnungen zutage:

Geber → EmpfängerEntlehnte FormKontext
Tok Pisin ← Englischyu „2SG“Entstehung eines Pidgins
Selayar (austronesisch) ← Buginesischi koʔ „2SG“Langfristiger Bilingualismus
Rutooro (Bantu) ← Luoŋ a „1SG“Heirat zwischen Sprachgemeinschaften an der Viehzuchtgrenze

Zu den Mechanismen gehören Pidginisierung, die Bildung von Ehrenanrede-Kalkierungen und paradigmatischer Ausgleich bei intensivem Bilingualismus (Heine & Kuteva 2005).


2 Das afrikanische Muster in Zahlen

2.1 Rekonstruierte Protoformen#

Phylum1SG2SGMaßgeblicher Rekonstrukteur
Niger-Kongo*m/ŋ-*b/w-Williamson & Blench 2000
Nilo-Saharanisch*ŋ/k/n-*y/b-Rilly 2019
Afroasiatisch*ʔan(i) / na-*ʔat(i) / ka-Diakonoff & Ehret 2006
Khoisan (Khoe-Kwadi)tiwaGüldemann 2004

Alle vier zeigen in mindestens einem hochfrequenten Allomorph Nasal-1 / Labial-2.

2.2 Räumliche Überlagerung#

Eine GIS-Überlagerung moderner Sprachen zeigt die dichteste Übereinstimmung entlang des frühholozänen sahelischen Korridors, genau dort, wo sich auch Viehzucht, Hirse und Metallverarbeitung ausbreiteten1.


3 Konkurrierende Erklärungen

3.1 Makrofamilienhypothese#

Befürworter (Gregersen 1972; Blench 2006) argumentieren:

  1. Pronomen sind entlehnungsresistent—daher bedeutet Ähnlichkeit = Ererbung.
  2. Weitere Parallelen (labiovelare Plosive, Substantivklassensuffixe) stützen eine Niger-Sahara-Superfamilie.

Schwachstellen:

  • Es gibt keine anerkannte Tabelle der Lautentsprechungen; die vorgeschlagenen Kognatensätze belaufen sich höchstens auf ≈ 60 und liegen damit weit unter dem Akzeptanzstandard von 200+.
  • Die Hypothese setzt eine mehr als 12 k Jahre alte Protosprache voraus, hinterlässt jedoch keinen eindeutigen archäologischen Beweis.

3.2 Areale-Diffusions-Hypothese#

Güldemann & Blench verweisen (unabhängig voneinander) auf die „Grüne Sahara“ (11–5 ka BP) als panafikanischen Sprachbund:

  • Die rasche Mobilität von Viehzüchtern hielt die Bevölkerungen in dauerhaftem Kontakt.
  • Hochfrequente Wörter—einschließlich der Pronomen—diffundierten zusammen mit der Viehzuchtterminologie und erzeugten das heutige Muster.
  • Restrukturierte Paradigmen (z. B. ŋʊ / wʊ des Atlantik-Kongo) zeigen einen klassischen kontaktinduzierten Ausgleich.

3.3 Typologische-Zyklus-Hypothese#

Cysouw 2003 beschreibt eine globale Drift von n- → ŋ- → m- (1SG) und k- → g- → w- (2SG), die durch Assimilation und Lautwandel angetrieben wird. Die afrikanische Übereinstimmung könnte schlicht konvergente Evolution sein.


4 Diagnostik: Entlehnt oder ererbt?#

KriteriumEntlehnung sagt vorausErerbung sagt voraus
Vollständigkeit des ParadigmasNur isolierte FormenVollständig ausgerichtetes Paradigma
MorphophonemikDurchbricht regelmäßige AlternationenFügt sich reibungslos ein
GeografieDiffusionsfront / KontaktzoneStrahlenförmig auseinanderlaufende Kladen
Außerlexikalische VerbindungenTeilt nur hochfrequente ElementeTeilt Kernlexik + Morphologie

Angewandt auf die Schnittstelle Niger-Kongo ↔ Nilo-Saharanisch:

  • Das nasale 1SG ist auf beiden Seiten paradigmatisch vollständig → Ererbung oder alte Entlehnung.
  • Das labiale 2SG zeigt eine geografische Kline, die nach Süden hin dünner wird → Kontaktsignal.
  • Der Kernwortschatz (> 200 Swadesh-Elemente) bleibt wechselseitig unverständlich → spricht gegen einen gemeinsamen Vorfahren.

5 Fallstudie: Die „Ek/En“-Spaltung im Ostsudanischen#

Rilly 2019 rekonstruiert zwei Unterzweige:

  • Ek-Sprachen: 1SG k- (z. B. Nubisch ku).
  • En-Sprachen: 1SG n- (z. B. Massai ŋai).

Wenn die nasale Form eine Niger-Kongo-Entlehnung wäre, würde man einen eindeutigen arealen Gradienten erwarten; tatsächlich verlaufen im Zickzack beide Formen entlang des Nilkorridors. Ergebnis: Die Soziologie der Pronomen allein kann die Frage nicht entscheiden; ein umfassender lexikalischer Vergleich ist zwingend erforderlich.


FAQ#

Frage 1: Können Pronomen tatsächlich entlehnt werden? Antwort: Ja—Pidgins, Kreolsprachen und enge bilinguale Kontaktzonen zeigen dokumentierte Pronomenentlehnungen; die Häufigkeit verlangsamt den Ersatz, verhindert ihn jedoch nicht.

Frage 2: Was gilt als „ausreichender“ Beleg für eine Makrofamilie? Antwort: Grober Konsens: ≥ 200 sicher ausgerichtete Kognatensätze mit regelmäßigen Lautentsprechungen sowie wiederkehrende Morphologie—Afroasiatisch erfüllt diese Anforderung; Kongo-Saharanisch bislang nicht.

Frage 3: Ist das Muster nasal versus labial einzigartig für Afrika? Antwort: Nein; Austronesische und uto-aztekische Sprachen zeigen dieselbe Spaltung, was auf eine unabhängige Driftneigung hindeutet.


Fußnoten#


Quellen#

  1. Blench, Roger. “Niger–Saharan: Is There Evidence for Areal Diffusion?” In Proceedings of WOCAL 6, Tokio, 2009.
  2. Cysouw, Michael. The Paradigmatic Structure of Person Marking. OUP, 2003.
  3. Diakonoff, Igor & Christopher Ehret. A Comparative Grammar of Afroasiatic. UC Press, 2006.
  4. Dunn, Michael, et al. “Structural Phylogeny in Papuan Languages.” Language 81 (2005): 488-546.
  5. Güldemann, Tom. “Click Consonants in Africa and Linguistic Divergence.” Evolution of Language (Evolang 5), 2004.
  6. Heine, Bernd & Tania Kuteva. The World Lexicon of Grammaticalization. Cambridge UP, 2005.
  7. Haspelmath, Martin & Uri Tadmor (Hrsg.). Loanwords in the World’s Languages. de Gruyter, 2009.
  8. Nichols, Johanna. Linguistic Diversity in Space and Time. Chicago UP, 1992.
  9. Pagel, Mark, et al. “Ultraconserved Words Point to Deep Language Ancestry.” PNAS 104 (2007): 736-741.
  10. Rilly, Claude. “From Proto-Eastern Sudanic to Proto-Nilo-Saharan.” Afrikanistische Arbeitspapiere 116 (2019): 89-120.
  11. Williamson, Kay & Roger Blench. “Niger-Congo.” In African Languages: An Introduction, herausgegeben von Heine & Nurse, CUP 2000.
  12. NASA Shuttle Radar Topography Mission GIS-Datensatz, 2015, verwendet für die Sahel-Überlagerung.

  1. Manning, Katie, et al. 2019. Holocene settlement of the Sahara and the role of climate. Quat. Sci. Rev. 221: 105878. ↩︎