Kurzfassung
- In PNG sind Schwirrhölzer zentral für bestimmte männliche Initiationen; im Purari-Delta heißen sie imunu viki („weinende Geister“) und verleihen den geflochtenen kaiamunu-Monstern ihre Stimme. Initiierte Männer lassen sie während Riten (und Bestattungen) erklingen. [^oai1] 1
- Sepik-Initiationen (z. B. bei den Iatmul) sondern die Novizen im Männerhaus ab; den Jungen wird ausdrücklich beigebracht, das Schwirrholz zu spielen, als Teil der Unterweisung in heiligen Klang und Geheimhaltung. 2
- Die Terminologie ist vielschichtig: upura (Purari-Bezeichnung für das Schwirrholz), imunu (Lebenskraft – zugleich eine lautmalerische Bezeichnung des Schwirrholzes) und kaiamunu/ebiha/gi (Monster-/Schildkomplexe) strukturieren die Gleichsetzung von Klang und Präsenz. 3
- Über die Regionen hinweg konvergiert das akustische Tabu: Uninitiierte und Frauen müssen den Klang des Instruments meiden; im Golf und am Sepik signalisiert diese „Stimme“, dass das Heilige aktiv ist. 1 4
- PNG ist vielfältig: In den Hochlandkomplexen stehen heilige Flöten im Vordergrund; Schwirrhölzer kommen in unterschiedlichem Maße vor. Jede Behauptung eines „einheitlichen PNG“ ist als Wunschdenken abzutun. 5
„…nichts mehr und nichts weniger als das Knurren des Monsters.“
— Paul Wirz über den Klang des Schwirrholzes bei Initiationen im Golfgebiet (1937) 3
Was das Schwirrholz in PNG bewirkt (nicht nur, was es ist)#
Ein Schwirrholz ist ein gewirbeltes Aerophon; gewiss. Doch in Papua-Neuguinea ist sein Klang die operative Tatsache: eine ventriloquierte Präsenz, die das Männerhaus als „aktiv“ markiert. Im Purari-Delta (Golf von Papua) stimmen Museums- und Feldberichte überein: Die Leiste ist ein imunu viki („weinender Geist“), die bei männlichen Initiationen und Bestattungen von Anführern zum Klingen gebracht wird; der Ton wird als die Sprache des kaiaimunu gehört – eines Flechtwerksmonsters, das im Männerhaus lebt (Bullroarer Atlas: Namau imunu viki, Baroi River). [^oai1] 1
Im mittleren Sepik (z. B. in Iatmul-Dörfern wie Japanaut/Korogo) bedeutet Initiation eine lang andauernde Absonderung im Männerareal, Unterweisung in Männerarbeit sowie Unterrichtseinheiten zu Flöten und Schwirrholz. Das Brüllen des Instruments gehört zur akustischen Signatur des Tambaran; Außenstehende sollen Macht hören, nicht ihre technische Hervorbringung sehen. 2 4
Purari-Delta: kaiamunu, imunu und das „Verschlungenwerden“#
Wirz’ Synthese der Daten aus dem Golfgebiet ist eindeutig: kaiamunu (im Osten) bzw. ebiha (im Westen) bezeichnet einen Monsterkult, dessen Darstellungen variieren – von riesigen Wesen aus Rohr und Flechtwerk (Purari/Era) bis zu geschnitzten Schilden (Wapo/Goaribari) –, dessen Stimme jedoch das Schwirren heiliger Flöten und des Schwirrholzes ist (Bullroarer Atlas: Purari). Die Initiation erreicht ihren Höhepunkt, wenn Jungen in das Monster gesetzt und hochgehoben werden – symbolisch verschlungen und anschließend als Männer wieder hervorgebracht; dasselbe Muster des Verschlingens eines Novizen durch ein Monster kehrt weit über das Golfgebiet hinaus wieder. Er glossiert imunu als „Lebenskraft“, weist darauf hin, dass imunu zugleich die lautmalerische Bezeichnung des Schwirrholzes ist (wobei upura der Purari-Begriff ist), und hält fest, dass das Schwirren dem Knurren des Monsters entspricht. Das heißt: Ontologie durch Akustik. 3
Kuratoren des Met bestätigen die lokalen Bedeutungen: Einträge zu Bullroarer (Upura or Imunu Viki) verbinden das Instrument mit Initiationen und seiner „weinenden“ Verwendung bei Bestattungen; die Stimme des imunu ist in riesigen Flechteffigien verkörpert, die in den Männerhäusern aufbewahrt werden. (Wer papuanische Golfgebiets-gope-Bretter gesehen hat, denke an eine verwandte Ökologie von Geistern und Klang.) [^oai1]
Sepik: Tambaran-Klang, Unterweisung und Verbot#
Filmdokumentationen aus dem Iatmul-Gebiet zeigen Novizen im umfriedeten Bereich des Männerhauses beim Erlernen von Schnitzkunst, Kriegführung sowie der Technik von Flöte und Schwirrholz – Klangpraxis als Vergesellschaftung. Ein von Cambridge katalogisiertes Instrument aus Kanganamun macht den Mechanismus deutlich: Die museumseigene Beschriftung nennt es eine Sirene; ihr Schwirren vertreibt Frauen, Kinder und Uninitiierte aus der Umgebung der Männer, an denen es während der Initiation vorbeigeführt wird (Bullroarer Atlas: Kanganamun Iatmul initiation bullroarer). Architekturstudien zu den Häusern von Maprik bringen denselben Punkt auf andere Weise vor: Die Präsenz des Tambaran wird akustisch offenbart (durch Flöten/Schwirrhölzer), während die Sichtachsen überwacht werden; Frauen und Kinder dürfen nicht hinsehen, und die akustische Warnung setzt die Grenzen durch. Eine Fotografie aus Korogo von 1925 hält sogar den Augenblick fest: „ein Initiand, der ein Schwirrholz schwingt“ mitten im Ritus. 2 4 6
Namen, Monster und die Bedeutung des Klangs#
| Region/Bevölkerung | Lokale Bezeichnung(en) | Worauf der Klang verweist | Typischer ritueller Abschnitt | Auch verwendet bei | Zentrale Quellen |
|---|---|---|---|---|---|
| Purari-Delta (Golf von Papua; Namau/Purari) | upura (Schwirrholz); imunu viki („weinender Geist“); kaiamunu (Monster) | Die Stimme des Monsters; imunu als Lebenskraft / Bezeichnung des Schwirrholzes | Jungen werden „verschlungen“ und wieder hervorgebracht; gespielt von initiierten Männern | Bestattungen bedeutender Männer | Wirz 1937; Met object notes; Met „Flutes“-guide. 3 [^oai1] 1 |
| Mittlerer Sepik (Iatmul, Korogo/Japanaut) | „Schwirrholz“ (lokale Bezeichnungen variieren) | Präsenz des Tambaran; die geltende Geheimhaltung | Phase der Absonderung; den Jungen wird beigebracht, das Schwirrholz zu spielen | Allgemeine Aktivierungen des Kults | TIB film; Maprik/Tambaran analysis; NLA photo. 2 4 6 |
| Südliches NG (vergleichender Überblick) | Regionale Lexika (z. B. upura/imunu) | Stimme des Männerkults; Verbot des Sehens/Hörens | Initiationen; Kultzyklen | Totenriten; Durchsetzung von Tabus | Van Baal 1963; Williams 1936 (Überblick über Formen aus dem papuanischen Golfgebiet). 7 8 |
| Hochland (Kontrast) | Heilige Flöten im Vordergrund | Geisterstimmen durch lange Flöten; Schwirrholz uneinheitlich verbreitet | Mehrstufige Initiationen | Wahrsagung, Heilung usw. | Neubewertung des Hochland-Flötenkomplexes (unter Hinweis auf die Vielfalt der Instrumentensets). 5 |
Hinweise zur Provenienz: Die Zeile zum Golfgebiet stützt sich auf eine primäre Ethnografie (Wirz) sowie auf Museumskatalogisierung, die auf Feldsammlungen beruht; die Sepik-Zeilen verbinden Filmaufzeichnungen mit architekturanthropologischer Analyse; die Hochlandzeile weist auf eine „andere Instrumentenökologie“ hin, damit man nicht verallgemeinert.
Ein typischer Ablauf (über Regionen hinweg vereinheitlicht, daher mit Vorsicht zu behandeln)#
- Absonderung und Hunger: Jungen werden zurückgezogen, bemalt und Einschränkungen unterworfen; ihre Suggestibilität wird gezielt herbeigeführt. (Sepik-Filme; Schilderungen aus dem Golfgebiet.) 2 3
- Akustische Aktivierung: Älteste schwingen Schwirrhölzer (und/oder lassen Flöten erklingen), um den Geist/das Monster zu manifestieren; der Lärm ist buchstäblich die Rede des Gegenübers. 1 3
- Prüfung und Unterweisung: Im Golfgebiet treten die Initianden mit dem kaiamunu selbst in Kontakt (sie betreten es/werden hochgehoben); am Sepik wird den Jungen beigebracht, die Instrumente zu spielen – Klang als Kompetenz. 3 2
- Durchsetzung der Grenze: Warntöne markieren eingeschränkte Phasen; Frauen/Kinder verlassen das Blickfeld, während die Stimme sich ausbreitet. 4
- Nachleben des Brüllens: Dasselbe Timbre kann Totenriten begleiten (Purari-imunu viki) und Trauer als öffentliche akustische Erscheinung tragen. [^oai1]
Soweit ersichtlich, ist die Gemeinsamkeit kein einheitlicher „Mythos“, sondern eine Pragmatik des Klangs: Ein Gerät, dessen Aerodynamik einen weit tragenden, nichtmenschlichen Klang hervorbringt, wird als Präsenz umfunktioniert; die Initiation macht Jungen mit dieser Präsenz vertraut.
Polysemie und Ontologie: imunu ≠ generischer „Geist“#
Wirz hält – im Gegensatz zu nachlässigen Glossierungen – imunu als Lebenskraft/-prinzip fest, nicht als bloßes Gespenst; zugleich weist er auf imunu als lautmalerische Bezeichnung des Schwirrholzes hin und auf upura als Purari-Wort für dasselbe Gerät. Unterdessen bezeichnen kaiamunu/ebiha/gi das Trägerobjekt bzw. Vehikel des Seins eines Clans – von Flechtwerksmonstern bis zu geschnitzten Schilden –, und das Schwirren ist die Stimme dieses Seins. Die Semantik ist operativ: Das Wortfeld spiegelt wider, wie der Klang im Ritus Welt hervorbringt. 3
Das Lexikon von PNG weigert sich, „Instrument“, „Geist“ und „Körper“ in getrennten Fächern zu halten. Diese Verschmelzung ist beabsichtigt, keine Verwirrung.
FAQ#
F1. Wird das Purari-Schwirrholz wirklich imunu viki „weinender Geist“ genannt?
A. Ja; mehrere Met-Einträge und ein Bildungsleitfaden verbinden imunu viki mit Initiationen und Bestattungen und glossieren den Ausdruck aus dem lokalen Gebrauch ausdrücklich als „weinende Geister“. [^oai1] 1
F2. Werden Jungen bei Sepik-Initiationen tatsächlich darin unterwiesen, das Schwirrholz zu spielen?
A. Filmisch dokumentiert: Iatmul-Initianden erlernen während der Absonderung Schnitzen, Kämpfen sowie das Spiel von Flöte und Schwirrholz als Teil der Geheimnisse des Männerhauses. 2
F3. Ist das Motiv des Verschlingens durch das Monster belegt oder lediglich eine elegante theoretische Konstruktion?
A. Es ist belegt; Wirz schildert, wie Jungen in das kaiamunu eintreten bzw. innerhalb desselben hochgehoben werden, und identifiziert das Schwirren des Schwirrholzes im Augenblick des Verschlingens und der Regeneration als Knurren des Monsters. 3
F4. Ist das Schwirrholz bei Initiationen in PNG universell?
A. Nein; PNG ist plural. In den Hochlandkomplexen stehen häufig lange Flöten im Zentrum; die Rolle des Schwirrholzes variiert je nach Region und Kult. Man sollte die Muster des Golfgebiets und des Sepik nicht auf die gesamte Insel übertragen. 5
Fußnoten#
Quellen#
- Paul Wirz. “The Kaiamunu-Ébiha-Gi-Cult in the Delta-Region and Western Division of Papua” (1937). PDF über Détours d’Océanie (engl. Transkr.). Maßgeblich für die Struktur des Monsterkults, die Semantik von imunu/upura und die Choreografie der Initiation. 3
- The Metropolitan Museum of Art. “Bullroarer (Imunu Viki [?])” Sammlungseintrag und “Sounding the Pacific: Musical Instruments of Oceania — Flutes” Leitfaden (zum Purari-Delta imunu viki, zum geflochtenen kaiamunu sowie zur Verwendung bei Initiations- und Bestattungsriten). [^oai1] 1
- TIB AV-Portal. “Iatmul (New Guinea, Middle Sepik) — Initiation of Men at Japanaut.” Filmeintrag, der während der Absonderung erteilten Unterricht im Spielen von Flöte und Schwirrholz vermerkt. 2
- Zeitschrift Interstices. “Theory on the Sepik.” Zur Architektur von Maprik/Tambaran und zur akustischen Offenbarung der Präsenz (Flöten/Schwirrhölzer) bei gleichzeitigen visuellen Verboten. 4
- National Library of Australia (Chinnery Collection). Fotografie: “An initiate swinging a bullroarer, Korogo village, Middle Sepik, c.1925.” Visuelle Primärquelle für den rituellen Gebrauch im Sepik-Gebiet. 6
- F. E. Williams. “Bull-roarers in the Papuan Gulf.” Territory of Papua, Anthropology Report No. 17 (1936). Katalogeintrag, der die auf ein bestimmtes Thema konzentrierte Monografie bestätigt; nützlich für Nomenklatur und Verbreitung. 8
- J. van Baal. “The Cult of the Bull-Roarer in Australia and Southern New Guinea.” Bijdragen 119(2) (1963). Vergleichende Übersicht über das südliche Neuguinea und Australien; Angaben zur Verbreitung. 7
- Science Museum Group Collection. Papuan Gulf bullroarer (1871–1920) Artefakteintrag; zusätzliche Angaben zur materiellen Provenienz. 9
- Kontrast zu den Highlands: “A Re-Examination of the New Guinea Highlands Sacred Flute Complex.” (Überblick über flötenzentrierte Initiationen; zeigt die Vielfalt der Instrumentensets). 5
- The Bullroarer: An Interactive World Atlas. Relevante Einträge: Namau imunu viki, Baroi River, Purari und Kanganamun Iatmul initiation bullroarer.
