TL;DR

  • Neheb-Ka ist ein ägyptischer Schlangengott, dessen Name ein Verb des Ausstattens oder Anschirrens mit ka-Kräften verbindet.
  • Die ägyptischen Belege sind reicher als die englische Wendung „Binder of Souls“: Kräfte können verliehen, entzogen und rituell beansprucht werden.
  • Die SnakeCult-Lesart besagt, dass die Schlange diese Kräfte an eine Person bindet und dadurch ein Selbst hervorbringt.
  • Ich lese Neheb-Ka, die Schlange von Eden, Quetzalcoatl, Nüwa und Fuxi sowie die Schlangeninitiation als verschiedene Erinnerungen an dieselbe vorgeschichtliche Transformation.

Eine Schlange bei der Entstehung des Selbst #

Eine Schlange steht auf menschlichen Beinen. Ihr gefleckter Körper erhebt sich in einer langen Schleife und wendet sich dann einem Kopf zu, der auf gleicher Höhe mit dem oberen Rand des bemalten Rahmens gehalten wird. Dies ist Nehebkau im Papyrus des Ani: eine Schlange, der die Mittel zum Gehen gegeben wurden, gemalt neben einem Verwandlungsspruch. Das Bild gehört zu einem Buch, das einen Menschen über den Tod hinaus geleiten sollte. British Museum, EA10470,27

Der Name ist das Außergewöhnliche daran. Nehebkau—Neheb-Ka in der hier verwendeten Schreibweise—gehört zur Sprache des Ausstattens, Zuteilens und Anschirrens von kas: den Kräften, durch die ein Wesen lebendig und wirksam ist. „Binder of Souls“ ist ein überzeugender englischer Titel für ihn. Zugleich eröffnet er eine Frage, die ein Titel allein nicht beantworten kann. Was wird gebunden, und woran?

Die Antwort der SnakeCult lautet, dass die Schlange die Kräfte der Personhaftigkeit an die Person bindet. Sie macht das Individuum zum Träger eines Selbst. Deshalb gehört ein ägyptischer Schlangengott neben die Schlange in Eden, die gefiederte Schlange, die an der Erschaffung der Menschheit beteiligt ist, die schlangengestaltigen chinesischen Ahnen und die großen Schlangen, die Initianden verschlingen und verwandelt zurückgeben. Im Snake Cult of Consciousness sind dies regionale Erinnerungen an einen einzigen uralten Übergang: die Menschheit lernt, sich selbst als Selbste zu erfahren.

Das ist das Argument dieses Essays. Die vorgeschlagene vorgeschichtliche Einheit ist eine historische Hypothese; die ägyptischen Inschriften sind die Belege, die wir tatsächlich lesen können. Sie geben uns eine Schlange, ein Bündel von Lebenskräften und ein Vokabular dafür, diese Kräfte in eine wirksame Beziehung zu bringen.

01 / Der bemalte Gott

Eine Schlange mit menschlichen Beinen

Nehebkau im Papyrus des Ani, eine grüne, gefleckte Schlange mit geschlungenem Körper, die auf menschlichen Beinen steht
Nehebkau neben Spruch 87 im Totenbuch des Ani, Blatt 27, 19. Dynastie. British Museum, EA10470,27. Museumseintrag. Bild über Wikimedia Commons, dort einem Ausschnitt aus dem anonymen antiken Gemälde zugeschrieben, kuratiert von Mykola Tarasenko, unter CC BY-SA 4.0. In WebP konvertiert; Farben und Komposition beibehalten.

Was bedeutet Neheb-Ka? #

Beginnen wir mit dem Ägyptischen und nicht mit dem englischen Beiname. Der Thesaurus Linguae Aegyptiae (TLA), das wissenschaftliche Wörterbuch und Textkorpus, führt den Götternamen als Nḥb.w-kꜣ.w. Die vertrauten Schreibweisen Nehebkau, Neheb-Kau und Neheb-Ka machen ihn für moderne Leser aussprechbar. Sie sollten uns jedoch nicht von seinen beiden Bestandteilen ablenken: nḥb und kꜣ.w.

Die deutsche Glosse des Wörterbuchs für den vollständigen Namen bedeutet „der mit Ka-Kräften Ausgestattete“. Beachten Sie die Richtung: In dieser Wiedergabe besitzt der Gott die Ausstattung. Grammatisch ist er nicht als ein Handelnder definiert, der Seelen an jemand anderen bindet. Der Eintrag bringt seinen Namen dennoch mit demselben Verb in Verbindung, das für das Ausstatten und Zuteilen verwendet wird. TLA, Eintrag zum Götternamen 86270

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie uns ein stärkeres Argument erlaubt. Die grammatische Form eines Namens, die Tätigkeit eines Gottes und unsere Deutung dieser Tätigkeit sind drei miteinander verbundene Dinge. Sie müssen nicht identisch sein. Eine mit Kräften ausgestattete Gottheit kann für andere ein Vorbild oder eine Quelle der Ausstattung sein. Um diese Beziehung festzustellen, benötigen wir die Texte, die den Namen umgeben.

Anschirren, ausstatten, zuteilen #

Das Verb erstreckt sich über mehrere englische Bedeutungsfelder. Der Haupteintrag des TLA für nḥb gibt das Deutsche ausstatten; zuteilen und das Französische équiper; attribuer: ausstatten, versehen, zuteilen, zuweisen. Sein englisches Bedeutungsfeld verwendet „to give; to loan“: geben, leihen. Ein verwandter Eintrag liefert die konkrete Bedeutung des Anschirrens. Dies sind lexikografische Alternativen und verwandte Verwendungen, keine Liste von Bedeutungen, die in jedem Vorkommen gleichzeitig vorhanden wären. TLA 86130

„Anschirren“ ist besonders anschaulich, weil das Anschirren zwei Dinge zugleich tut. Es befestigt etwas und macht seine Kraft für einen geordneten Zweck verfügbar. Ein Pferd auf einer Weide besitzt Kraft. Ein Geschirr bringt diese Kraft in eine Arbeitsbeziehung. „Ausstattung“ nähert sich der Beziehung vom anderen Ende: Der Empfänger erhält, was er zum Handeln benötigt.

Die konkrete Bedeutung ist real. Der TLA führt „anschirren; anjochen; mit … versehen“ auf, einschließlich des Anschirrens von Pferden. Sein gegenwärtiges Korpus setzt die Belege dieses Eintrags jedoch später an als die ältesten Beispiele für den Götternamen. Wir können nicht einfach ein Wagenbild zurückprojizieren und erklären, damit die ursprüngliche Theologie wiedergewonnen zu haben. Anschirren ist ein plausibles Deutungsbild innerhalb des lexikalischen Feldes; Ausstatten und Zuteilen sind wesentliche Bestandteile der Belege. TLA 86140

Englische WiedergabeWas sie betontWas sie offenlässt
Mit Ka-Kräften ausgestattetDie Ausstattung des GottesWie diese Kräfte sich auf andere beziehen
Kas zuteilen oder verleihenZuweisung und VersorgungOb eine körperliche Anbindung vorgestellt wird
Kas anschirrenIn eine Arbeitsbeziehung gebrachte KräfteDie genaue Richtung und das Ziel der Handlung
Binder of SoulsDas SnakeCult-Bild konstituierter PersonhaftigkeitDer englische Ausdruck „Seele“ und der implizierte Empfänger bedürfen der Erklärung

Die letzte Zeile ist die Lesart dieses Essays. Sie führt das antike Vokabular zu einem Argument über das Selbst zusammen; sie wird nicht als wortwörtlicher Ersatz für jedes ägyptische Vorkommen angeboten.

Was ist ein ka? #

Die andere Hälfte des Namens ist ebenso wichtig. Kꜣ wird konventionell als ka wiedergegeben; kꜣ.w ist der Plural, daher kas oder Ka-Kräfte. Der TLA glossiert das Substantiv im Englischen mit spirit und essence, im Deutschen und Französischen mit life-force beziehungsweise force vitale. Das vertraute Hieroglyphenzeichen ist ein Paar erhobener Arme. Schon bewegen wir uns über mehrere englische Bedeutungsfächer hinweg: Leben, Kraft, Geist, die Konstitution eines Wesens. TLA 162870

„Seele“ erfasst einen Teil davon. Zugleich bringt es das Bild einer einzelnen unsichtbaren Person mit sich, die im sichtbaren Körper verborgen ist. Dieses Bild kann den Namen zu leicht verständlich machen. Ägyptische Texte unterscheiden ka von ba, und ihre Sprache muss keine sauber abtrennbaren Teile einer Person beschreiben. Wenn wir mehreren kas begegnen, sollten wir nicht automatisch mehrere winzige Gespenster vorstellen.

Für das Argument hier ist Lebenskräfte die nützliche Arbeitsübersetzung. Sie bewahrt den Sinn von Belebung und Fähigkeit, ohne so zu tun, als erschöpfe ein einziges deutsches Substantiv das ägyptische Konzept. „Binder of Souls“ erhält darunter eine genauere Frage: Wie werden die Kräfte, die jemanden zu einer Person machen, zu seinen?

Was die ägyptischen Texte tatsächlich mit kas tun #

Der beste Weg durch die Unsicherheit besteht darin, den isolierten Namen zu verlassen und das Vokabular bei der Arbeit zu beobachten. Die Beispiele reichen vom Rang eines menschlichen Beamten über die Verwandlung der Toten und rituelle Anrufungen von Schlangen bis zu einem Heiltext, der den Namen Nehebkaus anklingen lässt.

Ein Mann, dessen kas angeschirrt sind #

Der Schatzmeister Iti liefert das menschliche Beispiel. Seine Stele, Cairo CG 20001, nennt ihn nḥb kꜣw=f: eine Wendung, die das Verb und seine kas im Plural enthält. In Miriam Lichtheims Übersetzung wird daraus „a man of standing“, ein Mann von Rang. Ihre Fußnote gibt „one whose kas are harnessed“: jemand, dessen kas angeschirrt sind. Die Inschrift rühmt einen fähigen Beamten, einschließlich seiner Versorgung seiner Stadt während einer Hungersnot. Lichtheim, Ancient Egyptian Literature, Stele des Iti, Zeile 3 und Anmerkung 11

Beide englischen Wiedergaben stammen von derselben Übersetzerin. Die eine vermittelt die soziale Bedeutung; die andere bewahrt ein schwieriges zugrunde liegendes Bild. Genau deshalb verdient die Etymologie mehr als einen Wörterbuch-Slogan. Ein menschliches Individuum besitzt kas, und ihr angeschirrter Zustand kann seine Wirksamkeit und seinen Rang ausdrücken.

Die Wendung legt nicht fest, dass diese kas an ihn angeschirrt wurden: Der Possessiv bedeutet „seine“, nicht „an ihn“. Ebenso wenig sagt sie, dass eine Schlange die Handlung vollzogen habe. Ihr Beitrag ist ein menschliches Gegenstück zum Vokabular des göttlichen Namens. Die SnakeCult-Lesart verbindet dieses menschliche Bild mit der rituellen Rolle der Schlange; die Inschrift liefert einen Teil des Arguments.

Kräfte können verliehen und entzogen werden #

In den Pyramidentexten erscheint nḥb neben einem Verb des Entziehens. Harold Hays sammelt das verbundene Motiv in PT 258 §311a und PT 259 §315b: kas verleihen und sie wegnehmen. PT 318 §512d spricht ebenfalls vom Verleihen von kas, ohne die verbundene Wegnahme. Die Verbindung begünstigt hier die Bedeutung von Zuweisung oder Ausstattung. Was auch immer kas sonst sein mögen, diese Ritualsprache behandelt sie als Kräfte, über die Autorität ausgeübt werden kann. Hays, Motiv „Bestow Kas“, S. 499

Die Verbindung zur Schlange müssen wir nicht vollständig von außen hinzufügen. Hays verfolgt außerdem, wie Sargtext 374 PT 318 anpasst und eine Identifikation mit Nehebkau einführt. In Hays’ Übersetzung spricht der Sprecher die Götter an: „as I bestow your Kas, for I am Nehebkau“, glossiert als „Bestower of Kas“, „Verleiher der kas“. Hier steht eine aktive Lesart neben dem TLA-Ausdruck „der mit Ka-Kräften Ausgestattete“. Die ausdrücklich Begünstigten dieser Passage sind Götter; der menschliche Verstorbene beansprucht die Kraft der Schlange durch Identifikation. Andere Sargtext-Sprüche sind ausdrücklich als Verwandlungen in Nehebkau gerahmt. Der Verstorbene kann die Identität und Kraft des Gottes annehmen. Die Beziehung wird in ritueller Rede vollzogen, statt als abstrakter Punkt in einem Pantheon bestehen zu bleiben. Hays, Erörterung von PT 318 und CT 374, S. 284–86

Hier beginnt die SnakeCult-Lesart an Substanz zu gewinnen. Der Zustand einer Person ist veränderlich. Kräfte können erworben werden; eine neue Identität kann ausgesprochen und bewohnt werden. Die Schlange gehört in diesen Prozess. Die funeräre Verwandlung ist nicht dasselbe Ereignis wie das erste Aufkommen des menschlichen Selbst, doch sie liefert eine rituelle Form, in der das Werden zu einer anderen Art von Wesen vorgestellt und vollzogen werden kann.

Sieben Schlangen und die Verleihung von kas #

Im Grab des Pabasa in Theben, TT 279, richtet sich ein Ritual für die erste Stunde des Tages an sieben Uraeen, die aufgerichteten Kobras, die aus ägyptischen königlichen und göttlichen Darstellungen vertraut sind. Die maßgeblichen Wörter lauten nḥb kꜣ.w[=k]. Die Possessivendung „deine“ ist ergänzt; kas ist in der Transkription vorhanden. Die Übersetzung des TLA versteht die Schlangen so, dass sie diesen kas Würde verleihen. Pabasa, erste Tagesstunde, Zeilen 7–8

„Würde“ erklärt die Wendung im Kontext. Es handelt sich in diesem Satz nicht um ein separates ägyptisches Substantiv, das neben ka geschrieben wäre. Der TLA behandelt die Verbindung als einen spezialisierten Ausdruck für Rang oder Achtung, der mit dem Ausstattungsverb zusammenhängt. Die Schlangen, die [deine] kas ausstatten ist eine etymologische Wiedergabe, die ich verwende, um diese Beziehung sichtbar zu machen, und keine wörtlichere Korrektur des Herausgebers. TLA, Kollokation 86280

Hier ist die Verbindung auffällig, selbst wenn man nicht das stärkste englische Verb wählt. Schlangen wirken auf die Kräfte eines Wesens ein. Das antike Bild besitzt bereits einen Empfänger und eine Transformation. Wir müssen nicht jede Kobra in eine Seilrolle verwandeln, um das Muster zu erkennen.

„Dein ka … wie Nehebkau“ #

Eine Heilstatue des Djedher, Cairo JE 46341, bringt das Wortspiel offen zum Ausdruck:

nḥb(.w) kꜣ=k mj Nḥb-kꜣ

Die Götter werden als diejenigen beschrieben, die „dein ka“ ausgestattet haben, gefolgt von „wie Nehebkau“. Der TLA gibt die Handlung als Verleihung von Würde an das ka wieder. Name und Handlung antworten hörbar aufeinander: nḥb … kꜣ … Nḥb-kꜣ. Hier ist ka Singular. In den vorangehenden Klauseln wird die ba-Kraft gesondert genannt. Statue des Djedher, Zeilen 150–151

Der umgebende Spruch richtet sich an eine gefährliche Schlange; sein „du“ kann nicht einfach in „ein menschliches Kind, das eine Seele empfängt“ umbenannt werden. Was er etabliert, ist die religiöse Verbindung: Die Ausstattung des ka eines Wesens wird durch Nehebkaus eigenen Namen ausgedrückt. Dies ist eine antike Verbindung zwischen Schlangenidentität und Ausstattung, kein modernes Wortspiel.

Zusammengenommen führen diese Passagen das Argument über einen malerischen Beinamen hinaus. Das Vokabular kann die Verleihung von Kräften, die Steigerung der kas eines Menschen und eine Verwandlung beschreiben, in der sich der Empfänger mit Nehebkau identifiziert. „Er bindet eine Seele an ein Individuum“ ist eine Synthese dieses Musters. Seine endgültige psychologische Bedeutung stammt aus der SnakeCult-Theorie, nicht aus einer fehlenden ägyptischen Präposition.

Eine Person zusammenbinden #

Was würde es bedeuten, wenn eine Schlange dir ein Selbst gibt?

Die Frage wird leichter, wenn wir das Lebendigsein von einer entwickelten Vorstellung von sich selbst trennen. Der vorgeschlagene Übergang führt nicht von einem empfindungslosen Organismus zu einem empfindenden. Er führt zu einer Person, die ihre eigenen Gedanken darstellen, sich über die Zeit hinweg wiedererkennen, verstehen kann, dass andere ein Bild von ihr haben, und Verantwortung für ein als ihr eigenes erfahrenes Leben übernehmen kann. Dies ist der hier gemeinte Sinn von Bewusstsein in der Eve Theory of Consciousness.

Ein Selbst bringt Verschiedenes unter einen Possessiv: meine Angst, meine Absicht, meine Erinnerung, mein Tod. Die Teile müssen nicht neu sein, damit sich ihre Beziehung verändert. Binden ist ein machtvolles Bild, weil es diese Organisation sichtbar macht. Die verstreuten Kräfte gehören jemandem; dieses Jemand ist teilweise dadurch konstituiert, dass sie zusammengehören.

Dies ist meine Lesart von Neheb-Ka. Die Schlange schirrt die Seele an das Individuum—oder, vorsichtiger gesagt, sie macht das Individuum zum wirksamen Träger seiner Lebenskräfte. „Zuteilen“ muss diese Lesart nicht zerstören. Es kann sie schärfen. Eine Fähigkeit wird zugewiesen, eine Person wird ausgestattet, etwas wird zu ihrem Besitz, das zuvor nicht in gleicher Weise ihr gehörte.

Die Schlange bindet die Kräfte einer Person zu einem Selbst zusammen. Die Initiation wiederholt diese Hervorbringung; der Schöpfungsmythos erinnert an sie im Maßstab der Menschheit.
— The SnakeCult reading

Dies erklärt auch, warum ein Gott der funerären Verwandlung dasselbe Muster bewahren konnte wie ein Gott der Anfänge. Sobald es ein Selbst gibt, das verloren gehen kann, wird der Tod zu einem Problem des Bewahrens oder Wiedererlangens dieses Selbst. Ein Ritual, das einen Menschen nach dem Tod wieder ganz macht, kann das Bild jener Kraft wiederverwenden, die ursprünglich Personen möglich gemacht hat. Das ist die vorgeschlagene Kontinuität: Schöpfung, Initiation und Auferstehung als verschiedene Anwendungen desselben Hervorbringens.

Der Schwirrholz lässt die Schlange sprechen #

Die Brücke zwischen einer Schöpfungsgeschichte und einer einzelnen Person ist die Initiation. Ein Mythos sagt, dass die Menschheit einst erschaffen wurde. Ein Ritus erschafft jemanden erneut.

Ein Schwirrholz ist eine Klinge an einer Schnur, die man kreisen lässt, um einen tiefen, pulsierenden Klang hervorzubringen. In den Schlangeninitiationstraditionen, die im Bullroarer Atlas zusammengestellt sind, kann dieser Klang die Stimme der Schlange sein. Das Instrument verleiht einem unsichtbaren Wesen körperliche Präsenz. Eine Person, die sich einem Ritus nähert, hört nicht nur eine Geschichte über die Schlange. Sie hört die Schlange selbst, wie die Zeremonie sie präsentiert.

Die Erzählung der Yolŋu Wägilak gibt der Verwandlung eine besonders klare Form. Wititj, die Regenbogenschlange, verschlingt die Schwestern und erbricht sie wieder. Die Darstellung des National Museum of Australia bezieht dieses Verschlingen und Zurückgeben ausdrücklich auf die Initiation: Jungen gehen in die Zeremonie hinein und kommen als Männer wieder heraus. Dies ist ein lokal veranker tes Beispiel, keine Behauptung, dass jede australische Tradition der Regenbogenschlange dieselbe Geschichte erzähle. National Museum of Australia, „The Wägilak Story“

Das Dossier zum Verschlingen des Atlas versammelt die zugehörigen rituellen und ethnografischen Belege. Hier kommt es auf die Struktur an: Eine gewöhnliche Identität wird unterbrochen, der Initiand tritt in ein Wesen ein, das größer ist als er selbst, und ein veränderter Mensch kehrt zurück. Die Zeremonie verleiht einen Rang, Wissen und eine Beziehung zu anderen, die zuvor vorenthalten waren. Unser Essay über den von der Schlange verschlungenen Initianden verfolgt dieses Muster ausführlicher.

Die SnakeCult-Interpretation nimmt den Ritus als Modell der Hervorbringung von Personen ernst. Ein Initiand ist bereits wach, intelligent und sozial eingebunden. Was sich verändert, ist die Form der Personhaftigkeit, die die Gemeinschaft anerkennt und deren Bewohnen sie ihn lehrt. Ich schlage vor, dass solche Riten durch wiederholte Aufführung die Erinnerung an eine weit ältere Veränderung bewahren: an eine Veränderung darin, wie Menschen sich selbst verstanden.

Neheb-Ka gibt dieser Verwandlung ein ägyptisches Vokabular. Das Schwirrholz gibt ihr eine Stimme. Die Namen und Zeremonien unterscheiden sich; die Schlange bleibt am Übergang zu einer neuen Art von Wesen.

Eden, Quetzalcoatl, Nüwa und Fuxi #

Die Schöpfungsmythen erweitern diesen Übergang vom einzelnen Initianden auf die ersten Menschen. Jeder bewahrt einen anderen Teil der vorgeschlagenen Ursprungsgeschichte.

Eden: Menschen, die sich selbst entdecken #

Genesis ist ungewöhnlich direkt, was eine Veränderung des Wissens betrifft. Der Mann und die Frau existieren vor der Frucht. Sie sprechen und handeln. Nachdem die Frau gegessen und dem Mann davon gegeben hat, öffnen sich ihre Augen und sie erkennen ihre Nacktheit. Später erkennt Gott an, dass der Mensch Erkenntnis von Gut und Böse erlangt hat. Genesis 3:5–7, 22

Die SnakeCult-Lesart folgt dieser Abfolge eng: Die Schlange steht an einer Verwandlung bereits existierender Menschen. Nacktheit wird zu etwas, von dem sie wissen können, dass es sie betrifft, und das im Blick eines anderen Bedeutung gewinnt. Ihre Körper sind nicht einfach erst entstanden. Es ist eine neue Beziehung zu diesen Körpern entstanden.

In dieser Lesart gehören Eva und die Schlange zu derselben Geschichte wie der Binder of Souls. Eden inszeniert das Aufkommen eines reflektierten, moralisch belasteten Selbst; Neheb-Ka benennt die Ausstattung und Organisation der Kräfte eines Wesens. Die Erzählungen erhellen einander, ohne dass der hebräische Text ein ägyptisches ka enthalten müsste.

Quetzalcoatl: Die Menschheit aus den Toten zusammengesetzt #

In der Nahua-Leyenda de los Soles steigt Quetzalcoatl in das Reich der Toten hinab, um Knochen zu holen. In Tamoanchan zermahlt Quilaztli, auch Cihuacoatl genannt, sie; göttliches Blut trägt zur Erschaffung der gegenwärtigen Menschen bei. Die Gefiederte Schlange ist Teil eines kooperativen Schöpfungsaktes, bei dem eine weibliche Gottheit für das Werk unentbehrlich ist. Leyenda de los Soles, Erschaffung der Menschheit

Ihr ausdrückliches Thema ist die Hervorbringung lebender Menschen. Meine vergleichende Lesart fragt, warum die Schlange erneut die Vermittlung dieser Hervorbringung übernimmt und warum die Menschheit aus Materialien und Kräften konstituiert werden muss, die in eine neue Beziehung gebracht werden. Hier lautet das Bild Knochen und Blut. In Ägypten ist es die Ausstattung mit kas. Beide machen die Person zu einer Hervorbringung statt zu einer Gegebenheit.

Die Geschichte von den Knochen ist eine Nahua-Tradition. Sie sollte diese Identität behalten; jede mesoamerikanische Schlange in einen einzigen verschmolzenen Schöpfungsmythos einzugliedern, würde gerade die Details auslöschen, die den Vergleich lohnend machen.

Nüwa und Fuxi: schlangengestaltige Schöpfer der menschlichen Welt #

Das chinesische Material verteilt die Arbeit anders. Das Taiping yulan bewahrt in seinem Abschnitt über Nüwa eine Erzählung, in der sie Menschen aus gelber Erde formt. Es bewahrt außerdem eine gesonderte Beschreibung von ihr als menschengesichtig und schlangengestaltig. Fuxi erhält in seinem Abschnitt dieselbe körperliche Beschreibung, verbunden mit der Begründung von Praktiken, die das menschliche Leben ordnen. Taiping yulan, Kapitel 78

Nüwas Lehmerschaffung ist ihre Handlung und nicht automatisch eine gemeinsame Episode mit Fuxi. Ihre paarweise, verschlungene Ikonografie ist ein weiterer Strang der Tradition. Diese Unterscheidung lässt uns das größere Muster klarer erkennen: Schlangengestaltige Ahnen stehen sowohl hinter der Hervorbringung von Menschen als auch hinter der Ordnung einer menschlichen Welt. Der Vergleich von Nüwa und Fuxi der Website trennt diese textlichen und visuellen Geschichten.

In der SnakeCult-Lesart sind das erste Menschenpaar und die Schlange zu einem Bild geworden. Die Wesen, die die Menschheit erschaffen, tragen die Schlange in ihren eigenen Körpern. Schöpfung bedeutet, die Fähigkeiten, Beziehungen und Ordnung zu erwerben, durch die menschliches Leben erkennbar zu unserem wird.

Eine alte Geschichte mit einem ägyptischen Namen #

Diese Erzählungen „dieselben“ zu nennen bedeutet, eine gemeinsame ursprüngliche Transformation unter verschiedenen Religionsgeschichten vorzuschlagen. Es bedeutet nicht, dass ägyptische Priester die Leyenda de los Soles erzählten oder dass die Yolŋu ka als Bezeichnung für den Initianden verwendeten. Die Traditionen besitzen ihre eigenen Sprachen, Bewahrer, Zwecke und Geschichten. Die Behauptung lautet, dass ihre wiederkehrende Anordnung eine Erinnerung bewahrt, die älter ist als diese besonderen Formen.

Diese Anordnung ist genauer als die Aussage, „die Menschen hielten Schlangen für beeindruckend“. Die Schlange nimmt eine Schwelle ein, an der Menschen etwas Konstitutives erwerben: Leben, Wissen, eine initiierte Identität oder die Kräfte, die nötig sind, um als Person fortzubestehen. Der menschliche Zustand wird hervorgebracht, und die Schlange beteiligt sich an dieser Hervorbringung. Im Argument über Schwirrholz und Bewusstsein ist das Ritual das Mittel, durch das diese grundlegende Veränderung über Generationen hinweg wiederholt werden kann.

Die ägyptische Überlieferung gibt dieser Hypothese einen ungewöhnlich präzisen Berührungspunkt. Wir können über die Gestalt eines Tieres hinausgehen und die Verben untersuchen. Ausstattten. Zuteilen. Anschirren. Wir können beobachten, wie derselbe Laut den Namen eines Gottes mit der Ausstattung eines ka verbindet oder sieben Schlangen über die Ermächtigung von kas stellt. Dies sind keine austauschbaren Übersetzungen, doch zusammengenommen zeigen sie, warum Neheb-Ka eine so produktive Figur für das Nachdenken über die Hervorbringung einer Person ist.

Die vorgeschlagene gemeinsame Wurzel reicht in die vorgeschichtliche Entstehung der Menschheit zurück. Die erhaltenen ägyptischen Texte datieren diese Wurzel nicht, und Ähnlichkeit allein kann keine Abstammung nachweisen. Die historische Behauptung beruht auf dem Vergleichsmuster von Schlange, Verwandlung und Personhaftigkeit—nicht darauf, einen englischen Beinamen als entschlüsselte paläolithische Inschrift zu behandeln.

Kehren wir zur bemalten Schlange zurück. Ani nahm dieses Bild als Teil eines Buches für den Übergang über das gewöhnliche Leben hinaus mit ins Grab. In der SnakeCult-Lesart erinnert seine Kraft an dieser letzten Schwelle an seine Kraft an der ersten. Die Schlange konnte eine Person zusammenhalten, weil sie dazu beigetragen hatte, die Person ins Dasein zu bringen.

Neheb-Ka, Binder of Souls: die Schlange bei der Entstehung des Selbst.


Quellen #

  1. Thesaurus Linguae Aegyptiae. Nḥb.w-kꜣ.w, divine-name entry 86270; nḥb, equipping and allotting, entry 86130; nḥb, harnessing, entry 86140; kꜣ, entry 162870. Abgerufen am 24. September 2026. Die deutschen Glossen werden im Essay ins Englische übersetzt.
  2. Hays, Harold M. The Organization of the Pyramid Texts: Typology and Disposition. Brill, 2012. Discussion of PT 318 and Coffin Text adaptations, pp. 284–86; motif index, “Bestow Kas”. Complete text mirror.
  3. Graefe, Erhart, mit Beiträgen von Peter Dils. Pabasa, TT 279, first daytime hour, lines 7–8. Thesaurus Linguae Aegyptiae. Eckige Klammern im Essay bewahren die ergänzte Possessivendung.
  4. Thesaurus Linguae Aegyptiae. Healing statue of Djedher, Cairo JE 46341, lines 150–151. Der Adressat der rituellen Schlangenhandlung ist für die Interpretation von Bedeutung.
  5. British Museum. Book of the Dead of Ani, sheet 27, EA10470,27. Antike bemalte Vignette zu Spruch 87; Bildherkunft und Lizenz erscheinen in der Bildunterschrift.
  6. National Museum of Australia. “Central Arnhem Land,” especially Dawidi and “The Wägilak Story.” Old Masters: Australia’s Great Bark Artists.
  7. Genesis, chapter 3, especially verses 5–7 and 22. King-James-Version.
  8. Leyenda de los Soles. Übersetzt von Primo Feliciano Velázquez in Códice Chimalpopoca, dritte Auflage, Universidad Nacional Autónoma de México, 1992, S. 120–21; digitale Ausgabe 2019. Quetzalcoatl, die Knochen aus Mictlan und die Schöpfung in Tamoanchan.
  9. Li Fang et al., Herausgeber. Taiping yulan, chapter 78, sections on Fuxi and Nüwa. Kompilation aus dem 10. Jahrhundert, die frühere Textfragmente bewahrt; sie ist selbst kein vorgeschichtlicher Zeuge.
  10. Cutler, Andrew. “The Snake Cult of Consciousness.” Vectors of Mind, 2023; “Eve Theory of Consciousness v3.0.” Autorische Quellen für den interpretativen Rahmen.
  11. Lichtheim, Miriam. Ancient Egyptian Literature. University of California Press, kombinierte Ausgabe, 2019. „Stela of the Treasurer Iti of Imyotru“, Cairo CG 20001, Zeile 3 und Anmerkung 1.
  12. Bullroarer Atlas. “The Serpent’s Voice” und “Swallowed by a Monster.” Vergleichende Dossiers und ihre zitierten ethnografischen Quellen.

  1. Lichtheim, Band I, S. 88–89 im ursprünglichen Band; S. 125–26 in der kombinierten Ausgabe von 2019. Die Wendung und die Anmerkung wurden anhand des durchsuchbaren Textes der kombinierten Ausgabe überprüft. Ihre Quelle ist Lange und Schäfer, Grab- und Denksteine des Mittleren Reichs, I, S. 1–2, IV, Tafel I. Die psychologische Lesart ist die Interpretation dieses Essays. ↩︎