TL;DR
- Das Motiv des „Hockers“ (hockende Figur) ist keine universelle biologische Zwangsläufigkeit, sondern ein hochspezifischer ikonografischer Komplex mit wiederkehrenden Merkmalen: flankierende Tiere, Gelenkmarkierungen und apotropäische Funktion.
- Göbekli Tepe (ca. 9500–8000 v. u. Z.) liefert einen „Nullpunkt“ mit einer hockenden weiblichen Figur im Löwenpfeilergebäude und Knochenobjekten, die möglicherweise als Schwirrhölzer dienten.
- Das Motiv erscheint in den Bronzen von Luristan, in der griechischen Potnia Theron, auf etruskischen Geburtsstempeln, auf Türstürzen der Māori und in der Felskunst der australischen Aborigines – es ist zu komplex und spezifisch für eine unabhängige Erfindung.
- Die Theorie des „genealogischen Gitters“ von Carl Schuster und Edmund Carpenter erklärt den Hocker als Diagramm der Abstammung, nicht als Porträt.
- Das Schwirrholz (Tjurunga) könnte als tragbarer Vektor zur Übertragung dieses Kultpakets vom neolithischen Nahen Osten nach Australien und in die Amerikas gedient haben.
1. Einleitung: Die Geometrie der Abstammung#
Die Interpretation prähistorischer Ikonografie bewegt sich innerhalb einer anhaltenden Spannung zwischen zwei erkenntnistheoretischen Polen: der Theorie der unabhängigen Erfindung, die häufig mit Adolf Bastians Konzept der Elementargedanken (elementaren Ideen, die aus einer gemeinsamen psychischen Einheit hervorgehen) zusammengefasst wird, und der Theorie der Diffusion, die postuliert, dass komplexe, arbiträre symbolische Formen spezifische historische Ursprünge haben und sich durch Migration, Handel und kulturelle Interaktion durch Zeit und Raum verbreiten. Bei der Untersuchung des Motivs des „Squatter“ bzw. „Hocker“ – einer frontal und bilateral symmetrisch dargestellten Figur in kauernder Haltung mit gespreizten Beinen – hat die Mainstream-Archäologie weitgehend der erstgenannten Theorie den Vorzug gegeben. Die hockende Körperhaltung wird als eine universelle menschliche physiologische Gewohnheit, als natürliche Gebärhaltung oder als einfache künstlerische Lösung für räumliche Beschränkungen betrachtet, die spontan im neolithischen Nahen Osten, im eisenzeitlichen Europa, im präkolumbischen Amerika und im indigenen Australien entstanden sei.
Eine rigorose „Steelman“-Darstellung der diffusionistischen Perspektive zeigt jedoch, dass der „Hocker“ nur selten eine generische Darstellung eines sitzenden Menschen ist. Vielmehr handelt es sich um einen hochspezifischen, standardisierten und wiederkehrenden ikonografischen Komplex, der häufig mit flankierenden Tieren, spezifischen Gelenkmarkierungen und apotropäischen Funktionen verbunden ist. Betrachtet man die spezifischen morphologischen Parallelen zwischen der Potnia Theron des archaischen Griechenlands, der „Heraldic Woman“ der Bronzen von Luristan, den Pare-Türsturzfiguren der Māori und den umstrittenen Graffiti von Göbekli Tepe, so nimmt die Wahrscheinlichkeit unabhängiger Konvergenz ab.
Dieser Bericht führt archäologische Daten aus dem Präkeramischen Neolithikum (PPN) Anatoliens, ethnografische Aufzeichnungen aus dem indigenen Australien und Melanesien sowie die theoretischen Rahmenwerke der Kunsthistoriker Carl Schuster, Edmund Carpenter und Douglas Fraser zusammen. Er argumentiert, dass das Hockermotiv keine biologische Zwangsläufigkeit, sondern ein „kulturelles Fossil“ ist – ein Überbleibsel einer paläolithischen „sozialen Symbolik“, die Genealogie, Abstammung und die Kontinuität des Lebens in ein reproduzierbares grafisches System fasste, das sich aus der Alten Welt bis in die Antipoden und nach Amerika verbreitete.
2. Der anatolische Nullpunkt: Göbekli Tepe und das Präkeramische Neolithikum#
Die Fundstätte Göbekli Tepe im Südosten der Türkei (ca. 9500–8000 v. u. Z.) dient als chronologischer Anker dieser Analyse. Als ältester bekannter monumentaler Ritualkomplex bietet sie einen Einblick in die symbolische Welt des Präkeramischen Neolithikums (PPN), einer Epoche, die vermutlich das „neolithische Paket“ aus Mythen und Motiven hervorbrachte, das später über Eurasien ausstrahlen sollte.1
2.1 Das „Graffiti“ des Löwenpfeilergebäudes#
Für das diffusionistische Argument zentral ist ein spezifisches Bild aus dem sogenannten „Löwenpfeilergebäude“ (Struktur F, Schicht II), das in das Präkeramische Neolithikum B (PPNB; ca. 8800 v. u. Z.) datiert wird. Diese Struktur zeichnet sich durch ihre rechteckige Architektur und das Vorhandensein von Pfeilern aus, die mit Reliefdarstellungen wilder Löwen geschmückt sind.1 In diesem Kontext entdeckten Archäologen eine Steinplatte mit einem eingeritzten Graffito einer nackten Frau.4
Die Figur ist in einer spezifischen, stilisierten Weise dargestellt:
- Frontalität und Symmetrie: Die Figur blickt den Betrachter direkt an.
- Die hockende Körperhaltung: Die Beine sind weit gespreizt, die Knie bis auf Höhe des Rumpfes angezogen – eine klassische Hocker-Position.6
- Betonung der Genitalien: Die Vulva ist ausdrücklich detailliert und offenbar vergrößert dargestellt, ein Merkmal, das häufig mit „zeigenden“ Figuren in Verbindung gebracht wird, die dazu bestimmt waren, das Böse abzuwehren oder Fruchtbarkeit zu symbolisieren.5
- Kontextuelle Anomalie: Die Ikonografie von Göbekli Tepe ist überwiegend männlich; die Pfeiler zeigen ithyphallische Männer und männliche Tiere. Diese weibliche Figur stellt eine singuläre Ausnahme dar.8
Die Mainstream-Interpretation, beispielhaft vertreten durch Jens Notroff vom Deutschen Archäologischen Institut, klassifiziert diese Figur als „Graffiti“. Dies impliziert, dass es sich um einen inoffiziellen Zusatz handelt, der möglicherweise lange nach der primären Nutzung des Gebäudes in den Stein geritzt wurde und daher von der „offiziellen“ Theologie der Fundstätte getrennt sei.5 Das Steelman-Argument postuliert jedoch, dass „Graffiti“ häufig das Fortbestehen einer „kleinen Tradition“ repräsentiert – jener häuslichen oder volkstümlichen Religion, die unterhalb der „großen Tradition“ des Priestertums wirksam ist. Das Vorhandensein einer hockenden, sich zeigenden Frau in einem den Löwen gewidmeten Gebäude begründet ein frühes neolithisches Vorbild für die „Heraldic Woman“ (eine Frau, die Löwen flankiert oder von ihnen flankiert wird), die Douglas Fraser als einen zentralen Diffusionsmarker in der späteren eurasischen Kunst identifizierte.9 Die Verbindung der weiblichen Figur mit dem „Löwenpfeiler“ deutet auf eine frühneolithische Vorgeschichte der Potnia Theron (Herrin der Tiere) hin und verknüpft die generative weibliche Kraft mit dem Spitzenprädator.3
2.2 Der Knochenspatel: Instrument des Schwirrholzes?#
Ein zweites wichtiges Artefakt ist ein verziertes Knochenobjekt aus Göbekli Tepe, das als „Spatel“ katalogisiert wurde.11 Das Objekt ist mit geometrischen Linien und zwei T-förmigen Formen versehen, die die monumentalen Pfeiler der Fundstätte nachahmen.12
Während die funktionale Bezeichnung „Spatel“ neutral ist, legt eine vergleichende Analyse nahe, dass es sich bei dem Objekt um ein Schwirrholz handeln könnte – ein flaches Aerophon, das an einer Schnur geschwungen wird, um ein tiefes, brüllendes Geräusch zu erzeugen.13
- Akustisches Ritual: Schwirrhölzer sind aus dem europäischen Paläolithikum bekannt und in ethnografischen Kontexten männlicher Initiation weit verbreitet, insbesondere im indigenen Australien (Tjurunga) und in Melanesien.10
- Das „H“-Symbol: Das Knochenobjekt und mehrere Pfeiler, insbesondere Pfeiler 18, weisen ein „H“-Symbol auf, das mitunter von „C“-förmigen Zeichen eingefasst ist.14 Die Forscher Manu Seyfzadeh und Robert Schoch haben argumentiert, dass dieses Symbol mit einem Logogramm der luwischen Hieroglyphenschrift (die Jahrtausende später im bronzezeitlichen Anatolien verwendet wurde) verwandt sei und „Gott“ (Massani) oder „Tor“ bedeute.14
- Implikation: Wenn es sich bei dem „Spatel“ tatsächlich um ein Schwirrholz handelt und wenn es das „Gott“-Symbol trägt, belegt Göbekli Tepe ein „Ritualpaket“, das das Hockermotiv (das Graffito), das Schwirrholz (den Spatel) und spezifische symbolische Logogramme (das H) umfasst. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese drei Elemente – visuelle, akustische und sprachliche – zufällig gemeinsam auftreten, ist deutlich geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein kohärentes kulturelles System darstellen, das übermittelt werden konnte.
Tabelle 1: Vergleichende Morphologie des symbolischen Komplexes von Göbekli Tepe#
| Merkmal | Kontext in Göbekli Tepe | Externe Parallele (Diffusionsziel) | Diffusionistische Implikation |
|---|---|---|---|
| Hockende Frau | „Graffiti“ im Löwenpfeilergebäude 4 | Sheela na gig (Europa) 16; Djanggawul (Australien) 17 | Fortbestehen der „gebärenden/zeigenden“ apotropäischen Frau. |
| Flankierende Löwen | Pfeiler im Löwenpfeilergebäude (Struktur F) 1 | Potnia Theron (Griechenland) 18; Bronzen von Luristan 19 | Der Komplex der „Heraldic Woman“ hat seinen Ursprung in der Interaktionssphäre des PPN. |
| „H“-Symbol | Gürtelschnalle von Pfeiler 18; Pfeiler 28 14 | Luwisches „Gott“-Logogramm 14; australisches Brustmotiv 20 | Fortbestehen eines logografischen Systems für „Göttlichkeit“ oder „Verbindung“. |
| Knochen-„Spatel“ | Rippenknochen mit T-Formen 11 | Australisches Tjurunga; papuanisches Schwirrholz 10 | Diffusion akustischer Technologie für Initiationsrituale. |
3. Die antipodische Verbindung: Australien und die Hypothese „Aus Eurasien“#
Das diffusionistische Modell steht vor seiner größten Herausforderung, wenn es die Präsenz dieser Motive in Australien erklären soll – einem Kontinent, der traditionell als von den neolithischen Umwälzungen Eurasiens isoliert betrachtet wird. Bestimmte Anomalien in der Felskunst des Arnhem Land und in den Ritualobjekten Zentralaustraliens deuten jedoch auf ein Übertragungsereignis hin, möglicherweise während des mittleren Holozäns (zeitgleich mit dem Eintreffen des Dingos und neuer Steinwerkzeugtechnologien).
3.1 Die Kontroverse um das Brustmotiv des „Schamanen“#
Ein Brennpunkt der Debatte ist die visuelle Identität zwischen dem „H“-Symbol auf Pfeiler 28 von Göbekli Tepe und einem Motiv, das auf die Brust eines indigenen Ältesten gemalt wurde und in einer Fotografie aus dem 19. Jahrhundert von Spencer und Gillen dokumentiert ist.5
- Die skeptische Sicht: Notroff weist dies als oberflächliche Konvergenz grundlegender geometrischer Formen zurück. Er merkt an, dass das indigene Symbol „zwei sitzende Männer“ oder einen Austausch darstelle, während das GT-Symbol ein architektonisches oder abstraktes „H“ sei.5
- Die Steelman-Sicht: Das diffusionistische Argument stützt sich nicht allein auf die Form, sondern auf die Semantik. In der indigenen Ikonografie steht das „H“ oder die von Klammern eingefasste Linie für „zwei Personen, die kommunizieren“, beziehungsweise für einen Austausch von Wissen.20 Göbekli Tepe wird als Ort der Zusammenkunft, des rituellen Austauschs und der Wissensübertragung zwischen Jäger- und Sammlergruppen interpretiert.21 Wenn das Symbol in beiden Kontexten „Verbindung/Austausch“ bezeichnet, ist die Übereinstimmung von Form und Funktion präzise. Carl Schusters Theorie der „sozialen Symbolik“ postuliert, dass die „Hocker“-Figur selbst häufig auf geometrische Abkürzungen – Klammern, Linien und Punkte – reduziert wird, die nicht die Individuen selbst, sondern die Beziehung zwischen Verwandten darstellen.22 Das „H“ ist kein Buchstabe; es ist ein Diagramm sozialer Verbindung.
3.2 Yingarna und die Djanggawul-Schwestern#
Das „Hocker“-Motiv erscheint ausdrücklich in der hochrangigen Felskunst des Arnhem Land.
- Yingarna: Die „Schöpfermutter“ oder Regenbogenschlange wird häufig in einer hockenden, anthropomorphen Gestalt mit gespreizten Beinen dargestellt.23 Diese Figur ist die Quelle allen Lebens und trägt die „Dilly Bags“ der Kultur.24
- Die Djanggawul-Schwestern: Diese Fruchtbarkeitsahnen sind zentral für die Dhuwa-Moietät. Sie werden mit gespreizten Beinen dargestellt und gebären ausdrücklich die ersten Menschen.17 Diese Bildsprache entspricht den „Graffiti“ von Göbekli Tepe und den etruskischen Geburtsstempeln 26 mit hoher Genauigkeit.
- Maliwawa-Figuren: Der erst kürzlich definierte Felskunststil Maliwawa (datiert auf 6.000–9.400 BP) weist große, naturalistische menschliche Figuren auf, häufig in „Rücken an Rücken“-Kompositionen.27 Diese Datierung stimmt mit der neolithischen Periode in Eurasien überein. Die „Rücken an Rücken“-Figur ist ein weiteres spezifisches genealogisches Muster, das Schuster als Kennzeichen des „Hocker“-Komplexes identifiziert hat und die Aufspaltung von Verwandtschaftsgruppen repräsentiert.22
3.3 Das Schwirrholz (Tjurunga) als Vektor#
Das Schwirrholz (Tjurunga oder Churinga) liefert den physischen Mechanismus der Diffusion. In Australien sind diese Objekte die buchstäblichen Körper der Ahnen.10 Sie sind häufig mit denselben geometrischen Motiven (konzentrische Kreise, Spuren, „H“-Formen) graviert, die im neolithischen Vorderen Orient gefunden werden. Die Tatsache, dass das Schwirrholz in Australien, Melanesien und im antiken Griechenland (der rhombos) zur männlichen Initiation verwendet wird und für Frauen tabu ist, legt nahe, dass es Bestandteil eines diffundierten „Kultpakets“ aus geheimem sakralem Wissen war, das sich zusammen mit dem ikonografischen System verbreitete.10
4. Das globale Geflecht: Fraser, Schuster und Carpenter#
Um die Verbreitung dieser Motive zu erklären, ohne auf „universale Archetypen“ zurückzugreifen, müssen wir die theoretischen Rahmenwerke der diffusionistischen Kunstgeschichte heranziehen.
4.1 Douglas Fraser und die „Heraldic Woman“#
Douglas Fraser identifizierte eine zirkumpazifische Verbreitung der „Heraldic Woman“ – eines spezifischen ikonografischen Typs, bei dem eine hockende Frau von symmetrisch angeordneten Tieren flankiert wird.9 Fraser argumentierte, dass dieses Motiv zu komplex sei, um an so vielen Orten unabhängig voneinander erfunden worden zu sein. Er verfolgte seine Verbreitung von einem theoretischen Zentrum (möglicherweise dem bronzezeitlichen China oder dem Vorderen Orient) aus zu folgenden Regionen:
- Luristan (Iran): Bronzenadeln aus der Eisenzeit zeigen eine weibliche „Herrin der Tiere“, die zwei Tiere festhält.19
- Etrurien (Italien): Keramische Stempel aus Poggio Colla zeigen eine hockende, gebärende Frau, die bisweilen von Tieren flankiert wird und mit der Potnia Theron-Tradition verbunden ist.26
- Neuseeland (Maori): Die pare (Türstürze) zeigen eine zentrale weibliche Figur (tupuna) mit gespreizten Beinen, flankiert von manaia (Ungeheuern).30
- Nordwestküste Amerikas: Die „Figur mit gespreizten Beinen“ auf Chilkat-Decken und Totempfählen entspricht diesem morphologischen Muster.31
4.2 Schuster & Carpenter: Das genealogische Gitter#
Carl Schuster und Edmund Carpenter lieferten die tiefenstrukturelle Erklärung. Sie argumentierten, dass der „Hocker“ kein Porträt, sondern ein Diagramm der Abstammung sei.22
- Geburt aus dem Knie: Sie dokumentierten ein globales mythologisches Motiv der „Geburt aus dem Knie“ (oder aus Gelenken), das visuell durch Hockerfiguren dargestellt wird, die Glied für Glied miteinander verbunden sind.22 Die hockende Haltung bildet die notwendige Geometrie, damit sich Figuren zu endlos wiederholbaren Mustern („genealogisches Gitter“) ineinanderfügen können.
- Gelenkmarkierungen: Ein entscheidendes diagnostisches Merkmal ist die „Gelenkmarkierung“ – die Platzierung von Augen oder Gesichtern auf den Knien, Ellbogen und Schultern der Figur. Dies findet sich in der Kunst der Nordwestküste (Haida/Tlingit), in Melanesien und im „Rosenstock-Hocker“, einer Knochenschnitzerei aus Maryland (USA).31 Das Vorhandensein von „Gelenkmarkierungen“ ist ein hochspezifisches, willkürliches kulturelles Merkmal, das ein diffusionistisches Modell gegenüber einer unabhängigen Erfindung stark stützt.
5. Das europäische Glied: Gorgonen und Sheelas#
Im Westen entwickelte sich das Motiv der hockenden Frau zu spezifischen apotropäischen (schützenden) Ikonen, wobei die im „H“-Symbol erkennbare „Torwächter“-Funktion erhalten blieb.
5.1 Die Gorgone (Medusa)#
Die archaische griechische Gorgone wird häufig in der Knielauf-Pose dargestellt – einem stilisierten Lauf-/Kniehocken, das die Frontalansicht betont.32 Wie die „Heraldic Woman“ wird sie häufig von Tieren (Pegasos und Chrysaor) oder Löwen flankiert.32 Ihre Funktion besteht darin, das Böse abzuwehren (das Gorgoneion). Die visuelle Parallele zur Maori-Figur auf dem Türsturz – hervorgestreckte Zunge, starrende Augen, hockende Haltung – ist frappierend und wurde von frühen Diffusionisten als Beleg für eine gemeinsame „pazifisch-mediterrane“ Verbindung über Asien hinweg angeführt.30
5.2 Die Sheela na Gig#
Die Sheela na gig des mittelalterlichen Britannien und Irlands – Steinschnitzereien nackter Frauen, die ihre Genitalien zur Schau stellen – stellt ein spätes Überleben dieses Motivs dar.16 Während sie häufig als „Grotesken“ oder als Warnungen vor der Lust abgetan werden, entspricht ihre Platzierung über Kirchentüren der Platzierung der Gorgone auf Tempelgiebeln und der Maori-Figur auf den Türstürzen von Versammlungshäusern.34 Sie alle fungieren als „Schwellenwächter“. Die in einem Ritualbezirk befindlichen Graffiti von Göbekli Tepe können als frühester bekannter Vorläufer dieser spezifischen Funktion des „Schwellenwächters“ betrachtet werden.10
6. Der „Hocker“ in Amerika: Der Rosenstock-Knochen#
Das Vorhandensein des Hockers in Amerika liefert einen entscheidenden Datenpunkt für eine transozeanische oder zirkumpolare Diffusion. Der Rosenstock-Hocker, eine Knochenschnitzerei, die in einem Late-Woodland-Kontext (ca. 1460 n. Chr.) in Maryland gefunden wurde, zeigt eine kopflose menschliche Figur in hockender Haltung mit Bohrungen an den Gelenken.31
- Interpretation: Während lokale Erklärungen sich auf die irokesische Kosmologie konzentrieren, klassifizierten Schuster und Carpenter dieses Objekt als klassischen „genealogischen Hocker“ mit „Gelenkmarkierungen“.31
- Kontext: Seine Seltenheit in der Region und seine spezifischen stilistischen Merkmale (Gelenkmarkierungen) verbinden ihn mit der zirkumpazifischen Kunsttradition und legen nahe, dass das „Hocker“-Motiv entweder über die Beringstraße oder durch transozeanischen Kontakt in Amerika eingeführt wurde und dieselbe in Asien und Ozeanien anzutreffende „Ahnen“-Symbolik mit sich führte.
7. Mechanismen der Diffusion: Der „Faden-Geist“#
Wie gelangte dieses Motiv an andere Orte? Das diffusionistische Modell geht davon aus, dass es nicht bloß ein Bild, sondern eine sich verbreitende Doktrin war.
- Der Sutratman: Die „Faden-Geist“-Doktrin (Sanskrit sutratman) postuliert, dass alles Leben durch einen spirituellen Faden miteinander verbunden ist.36 Die künstlerische Manifestation davon ist die durchgehende Linie oder das ineinandergreifende Hocker-Muster, das sich in Textilien und Keramik findet.
- Tragbare Technologie: Das Motiv wurde auf tragbaren, wertvollen Ritualobjekten überliefert: Schwirrhölzern, Knochenspateln, Textilien und Tätowierungen. Die „Spatel“ von Göbekli Tepe 11 und die Knochenschnitzerei aus Maryland 31 zeigen, dass diese Motive in kleine, mobile Objekte eingeschnitten wurden, die mit einem einzigen Träger problemlos Tausende von Meilen zurücklegen konnten.
8. Schlussfolgerung: Die stärkste Fassung der Argumentation#
Die „Nullhypothese“ der unabhängigen Erfindung beruht auf der Annahme, dass die „Hocker“-Haltung generisch sei. Die Belege zeigen jedoch eine wiederkehrende, komplexe Konstellation von Merkmalen:
- Morphologie: Bilaterale Symmetrie + Hocken + Darstellung der Genitalien + flankierende Tiere.
- Funktion: Apotropäischer „Schwellenwächter“ + genealogische Ahnenordnung + Fruchtbarkeit.
- Technologie: Verbindung mit dem Schwirrholz (akustische Initiation).
Von den Kalksteinpfeilern Göbekli Tepes bis zu den Felsüberhängen des Arnhemlands und von den Bronzenadeln Luristans bis zu den Türstürzen Neuseelands erscheint der „Hocker“ nicht als zufällige Kritzelei, sondern als kohärentes Symbol der zeugenden Kraft – der „Großen Mutter“, die die Ahnen gebiert und das Tor zwischen den Lebenden und den Toten bewacht. Die Graffiti von Göbekli Tepe sind keine Anomalie; sie sind der „Rosetta-Stein“, der das monumentale Neolithikum mit der fortbestehenden globalen Volkstradition der Heraldic Woman verbindet.
**Vergleichende Datentabellen
**Tabelle 2: Die Merkmalsmatrix der „Heraldic Woman“#
| Merkmal | Luristan (Iran) | Etrurien (Italien) | Maori (NZ) | Nordwestküste (USA) |
|---|---|---|---|---|
| Hockende Haltung | Ja 19 | Ja 26 | Ja 30 | Ja 31 |
| Flankierende Tiere | Löwen/Tiere 19 | Löwen/Vögel 26 | Manaia 30 | Totemtiere 9 |
| Hervorgestreckte Zunge | Nein | Ja (Gorgone) 32 | Ja 30 | Ja 9 |
| Funktion | Rituell/votiv | Votiv/Geburt | Türsturz (Wächter) | Totem/Ahnen |
**Tabelle 3: Das „H“-Symbol und logografische Parallelen#
| Symbolkontext | Visuelle Form | Vorgeschlagene Bedeutung | Quelle |
|---|---|---|---|
| Göbekli Tepe (Pfeiler 18) | H, von Cs eingefasst | Gott / Tor / Verbindung | 14 |
| Luwische Hieroglyphen | Massani (Gott) / Tor | Göttlichkeit / Portal | 14 |
| Aboriginal-Kunst (Zentralaustralien) | Eingefasste Linie | Zwei sitzende Männer / Austausch | 20 |
| Tjurunga (Australien) | H-Formen / konzentrische Kreise | Ahnenkörper / Geist | 10 |
Anmerkung zu den Zitaten: Die in diesem Bericht verwendeten Zitate beziehen sich auf die bereitgestellten Forschungsfragmente. So verweist 1 beispielsweise auf das erste Fragment im bereitgestellten Ausgangsmaterial.
**Literaturverzeichnis#
- Göbekli Tepe - Wikipedia, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://en.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6bekli_Tepe
- The Site - The Tepe Telegrams - WordPress.com, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://tepetelegrams.wordpress.com/the-research-project/
- The lion pillar (Schmidt, 2007: 289, Fig. 102). Picture No:… - ResearchGate, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://www.researchgate.net/figure/The-lion-pillar-Schmidt-2007-289-Fig-102-Picture-No_fig1_358576439
- Göbekli Tepe, engraving of a female person from layer II (foto Dieter Johannes, DAI). … - ResearchGate, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://www.researchgate.net/figure/Goebekli-Tepe-engraving-of-a-female-person-from-layer-II-foto-Dieter-Johannes-DAI_fig5_270030960
- iconography – Tepe Telegrams, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://www.dainst.blog/the-tepe-telegrams/tag/iconography/
- EMERGENCE AND EVOLUTION OF THE EARLY NEOLITHIC ANTHROPOMORPHIC FIGURINES IN THE NEAR EAST A THESIS SUBMITTED TO THE GRADUATE SCH - Open Metu, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://open.metu.edu.tr/bitstream/handle/11511/108288/10613658.pdf
- pseudoarchaeology – Tepe Telegrams, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://www.dainst.blog/the-tepe-telegrams/tag/pseudoarchaeology/
- A Short Note on a New Figurine Type from Göbekli Tepe, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://www.dainst.blog/the-tepe-telegrams/2017/08/09/a-short-note-on-a-new-figurine-type-from-goebekli-tepe/
- The Role of Shamanism in Mesoamerican Art, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://www.mdcarrasco.com/courses/arha_291/klein.pdf
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- (PDF) A Decorated Bone ‘Spatula’ from Göbekli Tepe. On the Pitfalls of Iconographic Interpretations of Early Neolithic Art - ResearchGate, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://www.researchgate.net/publication/314299328_A_Decorated_Bone_‘Spatula’_from_Gobekli_Tepe_On_the_Pitfalls_of_Iconographic_Interpretations_of_Early_Neolithic_Art
- Fragments of decorated bone ‘spatulae’ from Göbekli Tepe. (drawings: DAI, Orient Department, K. Schmidt) … - ResearchGate, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://www.researchgate.net/figure/Fragments-of-decorated-bone-spatulae-from-Goebekli-Tepe-drawings-DAI-Orient_fig5_314299328
- A functional investigation of southern Cape Later Stone Age artefacts resembling aerophones - ResearchGate, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://www.researchgate.net/publication/331558496_A_functional_investigation_of_southern_Cape_Later_Stone_Age_artefacts_resembling_aerophones
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- Djang’kawu - Wikipedia, abgerufen am 9. Dezember 2025, https://en.wikipedia.org/wiki/Djang%27kawu
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