TL;DR
- Den Golden Man (den vor-Eve-Menschen der EToC) kann man sich als hochentwickeltes Regelungssystem vorstellen: Wahrnehmungs-Handlungs-Schleifen regulieren Körper, Gruppe und Umwelt, jedoch ohne ein reflektierendes, erzählendes „Ich“.
- Moderne Theorien des Bewusstseins von Tieren, des Predictive Processing, der basalen Kognition und der bikameralen Psyche konvergieren in diesem Bild: Erleben ohne introspektive Selbstheit.
- Der Golden Man teilte vieles mit anderen Wirbeltieren: ein einheitliches Weltmodell, Affekte, Lernfähigkeit, vielleicht ein „So-ist-es-zu-sein“, jedoch keine Fähigkeit, den eigenen Geist als Gegenstand zu behandeln.
- Der Schritt zu Eve – der selbstreflektierenden, schuldbeladenen, durch die Zeit reisenden Erzählerin – ist ein Phasenübergang: Der Regler beginnt, sich selbst zu modellieren, und das System erwirbt eine Geschichte aus der ersten Person.
- Den Golden Man zu verstehen ist keine antiquarische Beschäftigung. Es zeigt dir, was dein Nervensystem unterhalb der Stimme in deinem Kopf noch immer tut – und wie nahe wir unserem letzten tierischen Vorfahren weiterhin sind.
Begleitartikel: Wie Sprache den Übergang vom Golden Man zu Eve hervorbringt, erfährst du in „Die Schlange und der Syntaxbaum“. Wissenschaftliche Belege für die EToC findest du in „Zehn Aufsätze, die die EToC in Richtung Wissenschaft voranbringen“.
„Das Schlüsselkonzept war das der Rückkopplung … Die Wirkungen von Handlungen werden zurückgeführt, um zukünftige Handlungen zu lenken.“ — Norbert Wiener, Kybernetik (1948)
1. Begegnung mit dem Golden Man#
In der Eve Theory of Consciousness (EToC) ist der Golden Man keine poetische Metapher, sondern ein vorgeschlagenes kognitives Regime. Vor Eve – vor der rekursiven Selbstwahrnehmung – gab es eine lange Phase der Geschichte des Homo sapiens, in der die Gehirne leistungsfähig, sozial und sprachbegabt waren, aber noch nicht damit befasst waren, sich selbst zu erzählen.
Man kann sich den Golden Man folgendermaßen vorstellen:
- Hochkompetent im Jagen, Aufspüren, Herstellen von Werkzeugen, Klatsch und der Verwaltung von Koalitionen.
- Durchdrungen von Mythos und Ritual, mit Göttern, Ahnen und Totems.
- Erlebend eine reiche Welt aus Anblicken, Klängen, Schmerz, Freude und Angst.
- Aber ohne die spezifische Wendung: „Ich mache diese Erfahrung; ich könnte anders handeln; ich bin ein Ding, über das ich nachdenken kann.“
Julian Jaynes argumentierte berühmt, dass Menschen der Antike mit einer bikameralen Psyche operierten, geleitet von als göttliche Befehle identifizierten akustischen Halluzinationen und nicht von introspektiver deliberativer Überlegung. Die EToC treibt etwas dieser Art tiefer in die Vorgeschichte zurück und verknüpft es ausdrücklich mit der Selektion auf psychiatrische und sprachbezogene Merkmale.
Der Zugang dazu ist die Kybernetik. Der Golden Man war nicht in dem Sinne „primitiv“, dass er dumm gewesen wäre; er war nichtreflexiv in dem Sinne, dass er war:
Eine Hierarchie von Regelungssystemen, die noch kein Selbstmodell ausführte.
Um dies präzise zu fassen, benötigen wir einige Werkzeuge.
2. Regelungssysteme, keine Personen#
Kybernetik und moderne Neurowissenschaft konvergieren beide in demselben grundlegenden Bild: Lebewesen sind Regelungssysteme. Sie halten Variablen (Temperatur, Energiebilanz, sozialen Rang) mithilfe von Rückkopplung und Handlung in lebensfähigen Bereichen.
Auf der einfachsten Ebene funktioniert ein Thermostat so:
- Er misst die Raumtemperatur.
- Er vergleicht sie mit einem Sollwert.
- Er schaltet die Heizung ein oder aus, um die Abweichung zu verringern.
Der Golden Man ist der Urururenkel des Thermostats: ein vielschichtiges, verkörpertes Regelungssystem mit Tausenden von Rückkopplungsschleifen.
2.1 Predictive Processing: Gehirne als Fehler-Minimierer#
Karl Fristons Framework des Predictive Coding beziehungsweise der freien Energie behandelt das Gehirn als hierarchisches generatives Modell: Es sagt sensorische Eingaben voraus und aktualisiert sich selbst, um Vorhersagefehler zu reduzieren.
- Höhere kortikale Ebenen kodieren Hypothesen über die Ursachen sensorischer Daten.
- Niedrigere Ebenen senden „Vorhersagefehler“ zurück, wenn die Realität nicht mit den Erwartungen übereinstimmt.
- Handlungen werden teilweise dadurch ausgewählt, dass der erwartete zukünftige Vorhersagefehler minimiert wird.
In dieser Sicht ist ein Organismus eine Art selbstkorrigierende Halluzination, die sich intakt hält, indem sie ihre Eingaben kontinuierlich erklärt.
Der Golden Man passt hier absolut hinein. Er verfügt über:
- Reiche generative Modelle seiner Umwelt und sozialen Welt.
- Erlernte Strategien für Jagd, Flucht, Werbung und Kooperation.
- Emotionale Systeme, die Vorhersagefehler auf affektiven Ebenen kodieren („Das ist schlechter als erwartet“, „Besser als erwartet“).
Was ihm jedoch noch fehlt, ist ein explizites Modell seines eigenen generativen Modells: kein „Ich bin derjenige, der Vorhersagen trifft“, kein „Meine Wut ist ein Zustand, den ich untersuchen und bezweifeln kann“. Die Vorhersagemaschine läuft, aber ohne Metakonsole.
2.2 Basale Kognition und der kognitive Lichtkegel#
Die Arbeiten Michael Levins zur basalen Kognition und zu den „kognitiven Lichtkegeln“ verallgemeinern dieses Bild: Jeder Akteur verfügt über eine raumzeitliche Region, die er wahrnehmen, erinnern und kontrollieren kann – eine Art „Radius des Bewusstseins“.
- Ein Bakterium hat einen winzigen Lichtkegel: lokale chemische Reize, ein Gedächtnis von Minuten.
- Ein Oktopus oder eine Krähe verfügt über einen weitaus größeren: Gegenstände, andere Lebewesen, Werkzeuge, möglicherweise Jahre.
- Ein Mensch-in-einem-Zustand hat einen enormen: jahrzehntelange Erinnerungen, Pläne, Institutionen und Mythen.
Der kognitive Lichtkegel des Golden Man ist im Vergleich zu dem anderer Tiere bereits riesig:
- Er verfolgt Wildwanderungen und Jahreszeiten.
- Er bewahrt soziale Reputation und Bündnisse.
- Er orientiert sich an Göttern, Totems und Ahnen in einer mythischen Geografie.
Doch der Kegel ist überwiegend auf Welt und Gruppe ausgerichtet, nicht auf das Selbst. Eves Auftreten ist der Moment, in dem sich derselbe Kegel nach innen wendet und zeitlich ausdehnt, um „mein Leben“, „meine Sünden“, „meine Zukunft“ und „meine Seele“ einzuschließen.
2.3 Bewusstsein ohne Kortex – und mit ihm#
Björn Merkers Arbeiten zeigen, dass eine einheitliche bewusste Szene von subkortikalen Systemen (etwa dem oberen Hirnstamm) erzeugt werden kann, sogar ohne eine Großhirnrinde.
- Der Hirnstamm integriert sensorische Eingaben zu einem weltzentrierten „Hier und Jetzt“, das für die Handlungssteuerung genutzt wird.
- Der Kortex bereichert die Inhalte, aber phänomenale Präsenz und Orientierung können grundlegend auch ohne ihn existieren.
Kombiniert man Merker mit Predictive Processing und basaler Kognition, ergibt sich eine plausible Stufenleiter:
- Sensitives Tier – eine weltzentrierte Szene, kein Selbstkonzept, aber ein eindeutiges „So-ist-es-zu-sein“.
- Golden Man – ein kortexangereichertes Weltmodell, sozial und sprachlich, aber noch immer ohne explizites Selbst als Gegenstand.
- Eve – ergänzt ein dauerhaftes Selbstmodell, über das gesprochen und nachgedacht werden kann.
Der Golden Man befindet sich in der Mitte: mehr als „nur“ ein Tier, weniger als ein sich selbst erzählendes Subjekt.
3. Der Golden Man aus der Perspektive anderer Theorien#
Triangulieren wir den Golden Man mithilfe mehrerer großer Theorien des Geistes.
3.1 Ginsburg & Jablonka: Unbegrenztes assoziatives Lernen#
In The Evolution of the Sensitive Soul argumentieren Simona Ginsburg und Eva Jablonka, dass Unbegrenztes assoziatives Lernen (Unlimited Associative Learning, UAL) den Ursprung bewusster Erfahrung markiert: die Fähigkeit, offene, modalitätsübergreifende und zeitlich weitreichende Assoziationen mit flexibler Zuordnung von Verdienst zu bilden.
UAL setzt Folgendes voraus:
- Eine einheitliche Arena, in der Reize, Handlungen und Ergebnisse miteinander in Beziehung gesetzt werden können.
- Eine Form globalen Arbeitsraums, in dem Lernsignale integriert werden.
- Zielgerichtetes Verhalten, das erlernte Komponenten flexibel neu kombinieren kann.
Nach ihrer Auffassung verfügen alle Wirbeltiere (sowie einige Gliederfüßer und Kopffüßer) darüber. Der Golden Man ganz gewiss. Der Golden Man ist demnach:
- Bewusst im Sinne der „sensitiven Seele“ (es gibt etwas, wie es ist, er zu sein).
- Noch nicht selbstbewusst im Sinne der EToC (es gibt nichts, wie es ist, sich selbst als ein Selbst zu denken).
Die EToC besagt im Grunde: UAL gibt dir eine Seele; Sprache und Selektion verleihen dir schließlich ein Selbst.
3.2 Jaynes: Bikamerale Stimmen als externalisierte Steuerung#
Julian Jaynes’ bikamerale Psyche ist ein Sonderfall des Golden Man in einem historisierten, frühgeschichtlichen Kontext: Er argumentierte, dass Menschen der Bronzezeit akustische Halluzinationen – Befehle von Göttern – als primäres Leitsystem erlebten und nicht als innere Deliberation.
Ob man seiner mesopotamischen Datierung nun zustimmt oder nicht: Zwei Ideen sind äußerst nützlich:
- Steuerung als Stimme – die übergeordneten Ausgaben des Regelungssystems werden als „gehörte“ Befehle repräsentiert.
- Kein introspektiver Arbeitsraum – Entscheidungen werden so erlebt, als kämen sie von außen, nicht aus einem einheitlichen „Ich“.
Der Golden Man ist ein verallgemeinerter und tiefer in die Vorgeschichte zurückverlegter Jaynes’scher Geist:
- Die zugrunde liegende Architektur ist weiterhin regelungsbasiert und externalisiert.
- Die Götter, Ahnen oder „Gefühle“ liefern die Handlungsstrategien, nicht ein innerer Deliberator.
- Sprache wird zur Koordination und zum Erzählen genutzt, nicht zur internen Metakommentierung mentaler Zustände.
Eve tritt auf, wenn sich die Sprache nach innen wendet und der Sprachkanal neu als meine Gedanken und nicht als die Befehle des Gottes interpretiert wird.
3.3 Vorhersagendes Selbst versus selbstlose Regelung des Golden Man#
In modernen Theorien der Vorhersageverarbeitung kann das Selbst als hierarchischer Prior modelliert werden: eine kompakte Weise, Regelmäßigkeiten des eigenen Körpers und Verhaltens zu kodieren („Ich neige dazu, X zu tun“, „Das ist mein Gesicht“, „Das sind meine Erinnerungen“). Einige Modelle (etwa Hohwy, Seth und Friston) behandeln das Selbst als eine Schlussfolgerung, die das System über die Quelle seiner Erfahrungen zieht.
Der Golden Man verfügt über:
- Somatische Priors („Das ist mein Gliedmaß, nicht jener Ast“).
- Priors der Handlungsmächtigkeit („Diese Bewegungen stammen von mir, nicht vom Wind“).
- Gruppen- und Rollen-Priors („Ich bin Jäger / Ältester / Initiand“).
Ihm fehlen jedoch:
- Ein reflexiver Selbst-Prior, der sich über Zeit und Modalitäten hinweg als Gegenstand des Denkens aggregiert („Ich, derjenige, der …“).
- Eine metakognitive Ebene, die die Zuverlässigkeit seiner eigenen Überzeugungen einschätzt („Ich könnte mich irren, was meine Gedanken betrifft“).
Er ist ein wundervoll abgestimmter Regler, kein Selbsttheoretiker. Die Priors sind vorhanden, aber noch nicht zu einem Selbstkonzept verwoben.
3.4 Basale Kognition: Ein Kontinuum, keine Klippe#
Die Forschung zur basalen Kognition betont, dass es keinen magischen Punkt gibt, an dem Kognition „anspringt“. Stattdessen gibt es ein Kontinuum von Zellen über Tiere bis hin zu Menschen, mit größeren und reichhaltigeren kognitiven Lichtkegeln und komplexeren Regelungsarchitekturen.
Der Golden Man ist wichtig, weil er zeigt, dass:
- Man den Regler sehr weit aufdrehen kann – Sprache, Mythos, UAL, komplexes Sozialleben –, ohne sich bereits eine introspektive Subjektivität im Stil von Eve anzueignen.
- Der Schritt zur Selbstheit führt nicht von nichts → alles; er führt von reicher Kontrolle → reflexiver Modellierung des Kontrollierenden.
Unser letzter tierischer Vorfahr ist kein nur schemenhaft bewusstes Menschenaffenwesen; kognitiv steht er dem Golden Man nahe. Der eigentliche Bruch liegt zwischen Golden Man und Eve.
4. Wie es sich hypothetisch anfühlte, der Golden Man zu sein#
Wir können Golden Man nicht befragen, aber wir können aus Folgendem extrapolieren:
- Vergleichende Kognitionsforschung (Menschenaffen, Rabenvögel, Wale und Delfine).
- Ethnografie stark mythischer, schriftarmer Gesellschaften.
- Jaynesianische Lesarten früher Texte.
Hier ist eine Skizze plausibler Phänomenologie:
4.1 Zeit: Dichte Gegenwart, dünne Autobiografie#
Golden Mans Gegenwart ist dicht:
- Er erinnert sich an Jahreszeiten, Wanderungen und Ritualkalender.
- Er erwartet Jagden, Stürme und Überfälle.
Doch sein autobiografischer Horizont ist dünn:
- Er erzählt sich sein Leben nicht als zusammenhängende Geschichte immer wieder.
- Die Frage „Wer bin ich?“ wird in Begriffen von Rolle, Verwandtschaft und Totem beantwortet, nicht im Sinne einer inneren Essenz.
Es gibt einen Fluss von Handlung und Erinnerung, aber keinen einzigen Erzähler, der ihn zu „meinem Leben“ zusammenfügt.
4.2 Handlungsmacht: Götter, Geister und soziale Felder#
Entscheidungen fühlen sich eher auferlegt an, als wären sie von einem inneren Entscheider gewählt:
- Ein starker Impuls lautet: „Der Gott will das“, „Der Ahne ist zornig“, „Das Omen ist schlecht.“
- Kollektive Emotionen (Panik, Wut, Freude) werden als Feld erlebt und nicht als „meine Stimmung“.
Man denke an moderne Phänomene der Masse – Massenpaniken, Aufstände, kollektive Ekstase – und stelle sich dann vor, dass dies der standardmäßige Deutungsrahmen und keine Ausnahme wäre. Golden Man ist äußerst empfänglich für soziale und mythische Kontrollsignale, nimmt aber kein getrenntes „Ich“ wahr, das Befehle erteilt.
4.3 Emotionen: Roh, regulierend, aber unerklärt#
Affekte sind intensiv und verhaltensfunktional:
- Angst treibt Vermeidung an; Wut treibt Angriff an; Scham treibt Rückzug an.
- Erlernte Normen lenken diese Affekte in rituelle Reaktionen und Statusverhandlungen.
Was fehlt, ist der eveske Schritt: „Ich bin ängstlich, und ich bin ängstlich, weil ich derjenige Mensch bin, der …“ Golden Man empfindet alles, ordnet seine Gefühle aber nicht in eine Theorie seiner eigenen Psyche ein.
4.4 Innere Sprache: sozial, nicht solitär#
Sprache wird verwendet:
- Äußerlich – zur Koordination, für Rituale und zum Geschichtenerzählen.
- Quasi äußerlich – für gehörte Stimmen von Göttern, Ahnen und Geistern.
Selten oder abwesend ist der stille, reflexive Monolog:
„Okay, gestern habe ich X getan; vielleicht sollte ich Y tun; was sagt das über mich aus?“
Innere Sprache ist, sofern vorhanden, vermutlich spärlich und situationsausgelöst, nicht dauerhaft. Der Normalzustand ähnelt eher einem sensomotorischen Fluss mit gelegentlichen Einwürfen verbaler Anleitung als unserem ständigen mentalen Podcast.
5. Unser letzter tierischer Vorfahr: Kontinuität und Unterschied#
Wie steht Golden Man also zu nichtmenschlichen Tieren?
5.1 Kontinuität: Bewusste Kontrollsysteme überall#
Wenn Ginsburg & Jablonka recht haben, verfügen viele Wirbeltiere und einige Wirbellose bereits über Unlimited Associative Learning, was einen minimalen bewussten Arbeitsraum impliziert.
Verbindet man dies mit Merkers hirnstammzentrierter Szene, erhält man:
- Eine Krähe, die plant, Nahrung versteckt und Rivalen täuscht.
- Einen Schimpansen mit sozialen Allianzen, Proto-Normen und Werkzeugtraditionen.
- Einen Oktopus, der erkundet, Probleme löst und vielleicht sogar spielt.
Golden Man sitzt auf diesem Kontinuum. Er unterscheidet sich nicht qualitativ darin, Erfahrung zu haben; der Unterschied liegt in:
- Dem Umfang seines kognitiven Lichtkegels (größer).
- Der Stabilität kultureller Gerüste (Mythos, Ritual, Werkzeuge).
- Der grammatischen Komplexität der Kommunikation.
5.2 Unterschied: Sprache, Mythos und das Proto-Selbst#
Wo Golden Man von anderen Tieren abweicht, ist die symbolische Ebene:
- Sprache ermöglicht es ihm, riesige Informationsmengen zu komprimieren und weiterzugeben.
- Der Mythos liefert eine gemeinsame Ontologie für Götter, Ahnen und soziale Regeln.
- Das Ritual stabilisiert Normen und Erwartungen über Generationen hinweg.
Diese symbolische Ebene gestaltet das Kontrollproblem neu:
- Die Umwelt umfasst nun auch Geschichten als Teil dessen, was verfolgt und reguliert werden muss.
- Soziale Rückkopplungsschleifen werden komplexer (Reputation, Tabu, Gesetz).
Doch bis Eve kreist dieser gesamte symbolische Sturm weiterhin um Rollen, nicht um Selbstheiten. Golden Man kann der „Jäger des Bärenclans unter Himmelsgott X“ sein, aber noch nicht „ich, ein widersprüchliches Subjekt, das über seine Gedanken nachdenkt“.
6. Vom Kontrollsystem zum Selbstmodell#
Was muss geschehen, damit Golden Man zu Eve wird?
Verschiedene Theorien würden diese Frage unterschiedlich beantworten, aber sie weisen in dieselbe Richtung:
Die Sprache muss sich nach innen wenden.
Jaynes argumentiert, Bewusstsein sei eine erlernte, sprachliche Fähigkeit: die Verwendung von Metapher und Narrativ, um das eigene mentale Leben zu modellieren.
EToC besagt: Irgendwann – wahrscheinlich vermittelt durch die sozialen und reproduktiven Rollen von Frauen – wurde Sprache, die dazu verwendet worden war, über Götter und andere zu sprechen, auf den Geist des Sprechers selbst gerichtet.Das Vorhersagemodell muss sich selbst einschließen.
Predictive Processing kann prinzipiell Modelle seines eigenen Modellierens erstellen (Meta-Priors über Zuverlässigkeit, Verzerrung und Gewohnheit). Wenn dies hinreichend reichhaltig und stabil wird, entsteht ein narratives Selbst: ein Konstrukt, das erklärt, warum dieser Organismus sich so verhält, wie er es tut.Der kognitive Lichtkegel muss sich über mentale Zustände erstrecken.
In Levins Begriffen geht es beim „kognitiven Lichtkegel“ nicht nur um Raum und Zeit, sondern darum, welche Variablen im Spiel sind. Wenn die eigenen Überzeugungen, Wünsche und Charaktereigenschaften als manipulierbare Objekte in diesen Kegel eintreten, hat man den Schritt zu Eve vollzogen.Die Kultur muss Introspektion belohnen.
Sobald einige Abstammungslinien dieses Selbstmodell erwerben, kann die Selektion darauf einwirken:- Bessere Erkennung von Täuschung (die eigenen Motive und anschließend die anderer lesen).
- Bessere langfristige Planung (zukünftige Selbstzustände imaginieren).
- Stärkere Internalisierung von Normen (Schuld, Scham, Beichte).
Golden Man ist das Substrat, auf dem diese Aufrüstungen operieren. Man fügt einem Frosch nicht Eve hinzu; man fügt Eve einem bereits hochentwickelten menschlichen Kontrollsystem hinzu.
7. Golden Man vs. Eve: Eine Vergleichstabelle#
| Dimension | Golden Man (Kontrollsystem) | Eve (narratives Selbst) |
|---|---|---|
| Weltmodell | Reiche, welt- und gruppenzentrierte Szene | Dasselbe, plus explizites Modell von „mir-in-der-Welt“ |
| Zeithorizont | Jahreszeiten, Rituale, kurze Lebensepisoden | Autobiografie des gesamten Lebens, imaginierte Zukünfte und Kontrafaktisches |
| Anleitung | Externalisiert: Götter, Omen, Gruppenstimmung | Internalisiert: Gewissen, Pläne, „meine Werte“ |
| Innere Sprache | Spärlich, sozial/rituell, oft als Stimme eines anderen gehört | Dauerhafter, selbstgerichteter Monolog/Dialog |
| Emotionen | Rohe Triebe + kulturell geprägte Reaktionen | Emotionen über Emotionen (Scham über Wut, Stolz usw.) |
| Normen | Durch Ritual, Tabu und äußere Sanktion durchgesetzt | Internalisiertes moralisches Gesetz, Schuld, Selbsturteil |
| Selbstkonzept | Rollen- und verwandtschaftsbasiert („Jäger von X, Kind von Y“) | Psychologisch und existenziell („Ich bin der Mensch, der …“) |
| Fehlermodi | Besessenheit, Massenwahnsinn, einfache Impulsivität | Depression, Angst, Psychose, Identitätskrisen |
Der Punkt ist nicht, dass Eve „besser“ ist. Es geht darum, dass Eve anders ist: Sie fügt eine neue Fehlerquelle hinzu – von sich selbst heimgesucht zu werden – und zwar auf den uralten tierischen Verwundbarkeiten von Golden Man.
8. Warum das heute wichtig ist#
Golden Man zu verstehen, ist nicht bloß eine historische Kuriosität oder ein mythisches Stilmittel. Es verdeutlicht:
Was dein Gehirn weiterhin tut.
Der größte Teil deines Alltags – Autofahren, Tippen, unverbindliche soziale Gespräche – wird von Golden Man bewältigt: schnellen, automatischen Kontrollschleifen, die den Erzähler nicht benötigen.Warum Introspektion schmerzt.
Du betreibst ein tierisches Kontrollsystem, das sich für Handlungen und unmittelbare Rückmeldung entwickelt hat. Wenn man darauf ein reflexives, sprachbasiertes Selbst setzt, entstehen große Kunst und Wissenschaft – und zugleich die ständige Gefahr von Angst, Grübeln und Psychose.Warum sich Tiere vertraut anfühlen.
Wenn du einen Schimpansen, Hund oder eine Krähe ansiehst und eine intuitive Verbundenheit empfindest, erkennst du vielleicht Golden Mans Bereich: eine Welt aus Zielen, Gefühlen und Lernen ohne die erdrückende Last einer Selbsterzählung.Was EToC tatsächlich behauptet.
Nicht: „Die Menschen waren früher geistlose Zombies“, sondern: „Die Art von Geist, die wir heute bewohnen – rekursiv, selbstbesessen und von seinen eigenen Modellen heimgesucht – ist eine neue, fragile und selektierbare Auflagerung auf einem sehr alten Kontrollsystem.“
Golden Man ist dein Vorfahr, aber auch dein Keller. Eve lebt oben, stellt Möbel um und schreibt Memoiren, doch die alte Maschinerie summt weiter unten und reguliert Blutdruck, Körperhaltung, Politik und Panik.
FAQ#
Q1. War Golden Man bewusst oder nur ein hochentwickelter Zombie?
A. Nach Rahmenwerken wie dem UAL von Ginsburg & Jablonka und Merkers Bewusstsein des Hirnstamms hatte Golden Man mit nahezu vollständiger Sicherheit echte Erfahrung – Empfindungen, Gefühle und einheitliche Szenen –, aber kein reflexives, begriffliches „Ich“, das zum Gegenstand des Denkens hätte werden können.
Q2. Wie sehr unterschied sich Golden Man von anderen Tieren?
A. Qualitativ kontinuierlich, aber quantitativ extrem: dieselbe grundlegende Kontrollarchitektur wie andere Wirbeltiere, jedoch mit einem deutlich größeren kognitiven Lichtkegel und einer reicheren symbolischen Kultur, weiterhin aber ohne Selbstmodellierung im Eve-Stil.
Q3. Bedeutet das, dass introspektives Bewusstsein „unnatürlich“ ist?
A. Nicht unnatürlich – nur spät entstanden und fragil. Es ist ein spezialisiertes Zusatzmodul, das die Evolution vergleichsweise kürzlich entdeckt hat und das auf einem uralten Kontrollsystem aufsitzt, das weiterhin den größten Teil der Arbeit verrichtet. EToCs Behauptung lautet, dass dieses Zusatzmodul seine eigene Selektionsgeschichte und seine eigenen Pathologien besitzt.
Q4. Könnten manche modernen Menschen Golden Man näherstehen als andere?
A. In bestimmten Bereichen mit nahezu vollständiger Sicherheit: Die Unterschiede in innerer Sprache, mentalen Vorstellungen und Metakognition sind enorm. Aber selbst die „am wenigsten introspektiven“ modernen Menschen leben in Kulturen, die von Selbstkonzepten im Eve-Stil durchdrungen sind; wir alle stehen also unter dem Einfluss desselben Übergangs.
Quellen#
- Jaynes, Julian. The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind. Houghton Mifflin, 1976.
- Friston, Karl. “A theory of cortical responses.” Philosophical Transactions of the Royal Society B 360 (2005): 815–836.
- Merker, Björn. “Consciousness without a cerebral cortex: A challenge for neuroscience and medicine.” Behavioral and Brain Sciences 30 (2007): 63–134.
- Ginsburg, Simona & Eva Jablonka. The Evolution of the Sensitive Soul: Learning and the Origins of Consciousness. MIT Press, 2019.tational Boundary eines „Selbst“: Entwicklungsbioelektrizität treibt Multizellularität und skalenfreie Kognition voran.“](https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2019.02688/full) Frontiers in Psychology 10 (2019): 2688.
- Levin, Michael. “Bioelectric networks: the cognitive glue enabling complex morphogenesis.” Animal Cognition (2023).
- Millidge, Beren et al. “Predictive coding: a theoretical and experimental review.” arXiv:2107.12979 (2021).
