Kurzfassung
- Ein wirbelnder Rhombos und die Trommel werden bereits bei Apollonios (3. Jh. v. Chr.) mit Rhea/Kybele verbunden: In Zeile 1.1139 heißt es ῥόμβῳ καὶ τυπάνῳ Ῥείην Φρύγες ἱλάσκονται – „mit dem Rhombos und der Trommel besänftigen die Phryger Rhea.“ (Seaton übersetzt rhombos in der Loeb-Ausgabe mit „Rad“; das Wort bedeutet wörtlich „ein wirbelndes Ding“.) 1
- Das Wort rhombos ist hier gesichert; der Gegenstand ist es nicht – rhombos kann ein Schwirrholz, ein gedrehtes Rad/eine Scheibe oder ein magisches Iynx-Rad bezeichnen, sodass die spezifische Deutung als Schwirrholz zwar plausibel, aber erschlossen ist. 1
- Andere Zeugnisse – Clemens’ Initiationspasswort 2 und Firmicus’ Trostwort „der Gott ist gerettet“ 3 – belegen die ekstatische Musik des Kultes und seinen sterbenden und wiederkehrenden Jüngling, doch keines von beiden nennt einen Rhombos.
- Die orphische Überlieferung lässt die Schöpfung mit einem wirbelnden Ei beginnen und lädt zu einer (modernen, spekulativen) Analogie zwischen diesem kosmischen „Wirbeln“ und dem Dröhnen des Rhombos ein. 4
- Spätantike Scholien ordnen die Mutter in die bacchische und eleusinische Mysterienfamilie ein und behandeln sie als die Ältere von Demeter und Dionysos.
- Das Curriculum des Kultes – akustischer Schock, Geschlechterumkehr, agrarische Charta – wurde zum Muster für die Mysterieninszenierung im gesamten Mittelmeerraum.
1 Die surrende Stimme der Mutter#
„Von jener Zeit an besänftigen die Phryger Rhea mit dem Rad und der Trommel.“ – Apollonios Rhodios, Argonautika 1.1138–1139 (Seatons Loeb-Ausgabe) 1
Seatons Loeb-Ausgabe gibt das Instrument mit „Rad“ wieder, doch im Griechischen von Zeile 1139 steht tatsächlich ῥόμβῳ (Dativ von rhombos): ῥόμβῳ καὶ τυπάνῳ Ῥείην Φρύγες ἱλάσκονται. Somit ist das Wort rhombos bereits in einem Primärtext des 3. Jahrhunderts v. Chr. mit den Riten der Rhea verbunden (Bullroarer Atlas: Phrygian Cybele / Mt Dindymon) – dies ist keine späte oder lose Verbindung. Nicht geklärt ist hingegen der Gegenstand, der sich hinter dem Wort verbirgt: rhombos kann ein Schwirrholz, ein gedrehtes Rad oder eine Scheibe beziehungsweise ein magisches Iynx-Rad bezeichnen. Ihn als „eine flache, an einer Schnur geschwungene Leiste“ (ein Schwirrholz) zu bezeichnen, ist eine vertretbare Lesart, doch handelt es sich um eine Schlussfolgerung und nicht um etwas, das Apollonios ausdrücklich sagt.
Auf den Befehl des Orpheus tanzen die Jünglinge in Rüstung und schlagen ihre Schilde aneinander; die Göttin antwortet mit günstigen Vorzeichen und ruhigen Winden. Dann verankert Apollonios die Aitiologie: Von da an besänftigen die Phryger Rhea mit Rhombos und Trommel.
1.1 Textzeugnisse#
- Clemens von Alexandria, Protrepticus 2.15: „Ich aß von der Trommel, ich trank von der Zimbel, ich trug die heilige Schale, ich schlüpfte in das Brautgemach.“ Dieses Initiationspasswort bewahrt die charakteristischen Instrumente des Kultes – Trommel und Zimbel –, nennt jedoch bezeichnenderweise keinen Rhombos. 2
- Firmicus Maternus, De errore 22.1: der geflüsterte Trost des Priesters: „Seid guten Mutes, ihr Eingeweihten: Der Gott ist gerettet!“ Firmicus deutet ihn als die Verkündigung eines sterbenden und wiederkehrenden Gottes, doch die Zugehörigkeit des Kultes ist umstritten (Attis oder Osiris), ebenso die Rahmung als „Auferstehung“ (J. Z. Smith), und Firmicus nennt keinen Rhombos. 3
1.2 Ritualtechnologie (drei Schritte)#
| Phase | Klangerzeuger | Dramatische Handlung |
|---|---|---|
| Epiphanie | Rhombos + Trommel (Apollonios) – tiefes, surrendes Dröhnen | Galli ziehen in das Metroön ein; die Uneingeweihten zerstreuen sich. |
| Ekstasis | Tympanon und Zimbeln | Priester tanzen, bluten oder simulieren für die Neophyten den Tod. |
| Rückkehr | Aulos und Hymnus | Verkündung im Morgengrauen: „Der Gott ist gerettet“; der Jüngling wird wiedergeboren, der Getreidezyklus erneuert. |
Das oben dargestellte Phasenmodell ist eine moderne Rekonstruktion: Die antiken Quellen überliefern uns die Instrumente (Rhombos, Trommel, Zimbel, Aulos) und den Mythos, nicht jedoch ein dokumentiertes Programm in einzelnen aufeinanderfolgenden Schritten.
2 Kosmogonie und Synkretismus
2.1 · Phrygischer Bergmythos#
- Agdistis, aus Zeus und der Erde geboren, ist die ungezügelte Natur.
- Nach ihrer Selbstkastration lässt ihr Blut den Mandelbaum sprießen, der Attis zeugt.
- Die Untreue des Attis → Raserei → Tod unter einer Pinie; sein Blut befruchtet das erste Getreide; das Dröhnen des Schwirrholzes markiert den Augenblick.
2.2 · Die Lehre vom orphischen Ei#
Orph. Fr. 54 (Kern) beschreibt, wie Chronos ein silbernes Ei formt, aus dem unter Wirbeln der Erstgeborene hervortritt, während der Äther widerhallt. Die Parallele zwischen diesem kosmischen „Wirbeln“ und dem Dröhnen des Rhombos ist evokativ, doch die Gleichsetzung ist ein moderner interpretativer Schritt – keine Behauptung des orphischen Textes oder seiner Priester. 4
2.3 · Warum Bakchos und Demeter hinzukommen#
- Gemeinsame Requisiten: ekstatische Musik, Pinie/Efeu/Weizen, Fackeln.
- Narrative Homologie: sterbender und wiederkehrender Jüngling (Attis, Dionysos, Persephone).
- Scholien zu Aristophanes, Frösche 323: „Brimo (Demeter) und Rhea sind eins; ihr Kind ist zugleich Kore und Dionysos.“ So konnte ein spätantiker Pilger plausiblerweise Eleusis, dionysische teletai und das Märzfest der Kybele als einen abgestuften Lehrplan darüber bereisen, wie die Zivilisation den Winter überlebt. Dieselbe Klangerzeugungstechnologie des wirbelnden Rhombos kehrt in der weiteren Welt der griechischen Mysterienkulte wieder – von den Sabazios-Riten Athens über die dionysischen Spielzeuge bis zur auf dem Gurob-Papyrus überlieferten orphischen Ritualaufzählung (Bullroarer Atlas: Athenian Sabazios mysteries; Ancient Greek Dionysiac rhombos; Gurob papyrus Orphic rhombos).
FAQ#
Frage 1: Haben Frauen jemals den Rhombos bedient? Keine erhaltene Quelle zeigt Frauen beim Schwingen des Instruments; römische Terrakotten geben Frauen Trommeln und Zimbeln, niemals Rhomboi. Die mythische Aitiologie macht einen frühen Diebstahl der „Stimme“ verantwortlich und legitimiert damit ein männliches (und eunuchisches) Monopol. (Bullroarer Atlas: Women and the bullroarer)
Frage 2: Ist das Schwirrholz ausschließlich phrygisch? Das Aerophon aus einer Leiste ist weltweit verbreitet, doch der griechische Name rhombos und seine rituelle Verbindung mit Kybele/Attis sind spezifisch phrygisch-hellenisch; griechische Kolonien verbreiteten es nach Westen. 5
Frage 3: Wie lange blieb der Kult aktiv? Inschriften zu den Galli und den März-Hilaria reichen bis ins 4. Jahrhundert n. Chr.; die Edikte des Theodosius (391 n. Chr.) beenden die öffentlichen Riten.
Frage 4: Was wurde nach dem Christentum aus der Kosmogonie? Die christliche Polemik deutet Kybele als Dämonin um; die Epiphanie des Rhombos wird zum Beweis für Besessenheit. Die Lehre von der Schöpfung durch Klang überlebt nur in neuplatonischen Kommentaren zu den orphischen Rhapsodien.
Fußnoten#
Quellen#
- Roller 1999; 2. Vermaseren 1977; 3. Vian 2003; 4. Lightfoot 2003; 5. Hardie 2016; 6. Burkert 1987; 7. Vine 2017; 8. Macrobius Saturnalia I–III; 9. Firmicus Maternus 2018; 10. Nonnus Dionysiaca 25–27.
- The Bullroarer: An Interactive World Atlas. Relevante Einträge: Phrygian Cybele / Mt Dindymon, Athenian Sabazios mysteries, Ancient Greek Dionysiac rhombos und Gurob papyrus Orphic rhombos; sowie der Essay Women and the Bullroarer.
Apollonius Rhodius, Argonautica 1.1138–1139; griechischer Text Perseus/Vian: ῥόμβῳ καὶ τυπάνῳ Ῥείην Φρύγες ἱλάσκονται – das Instrument ist ῥόμβος (rhombos), was Seaton in seiner Loeb-Ausgabe mit „Rad“ übersetzt. Ob es sich bei dem Gegenstand um ein Schwirrholz, ein gedrehtes Rad/eine Scheibe oder ein iynx handelt, ist umstritten. ↩︎ ↩︎ ↩︎
Clemens von Alexandria, Protrepticus 2.15, Übers. Butterworth (Loeb, 1919). Das Passwort nennt Trommel, Zimbel, Kernos und Brautgemach – nicht einen Rhombos. ↩︎ ↩︎
Firmicus Maternus, De errore profanarum religionum 22.1. Die Zuordnung des Kultes (Attis oder Osiris) ist umstritten; zur umstrittenen „Auferstehung“ siehe J. Z. Smith, “Dying and Rising Gods” (1987) und Drudgery Divine (1990). ↩︎ ↩︎
Orph. Fr. 54 Kern. Die Analogie zum Rhombos ist editorisch/modern, nicht antik. ↩︎ ↩︎
