TL;DR
- Auf allen Kontinenten fungiert der Name des Schwirrholzes häufig zugleich als kosmologischer Begriff – Ahne, Seele/Essenz, Geist, Wind, Donner, ja sogar „Großvater“. Nachstehend Beispiele mit Primärzitaten. [^oai1]
- In Australien ist tundun (Gunaikurnai) „der Mann“, mit einem gepaarten rukut tundun „die Frau“; Arrernte tjurunga bezeichnet heilige Bretter, die den Geist bzw. die „Essenz“ einer Person enthalten. [^oai1]
- In Aotearoa Neuseeland bedeutet pūrerehua „Motte/Schmetterling“ – eine semantische Verschiebung vom Klang zum Insekt – und bezeichnet ein Gerät für Regen- und Heilungsrituale. 1 2
- Im Altgriechischen umfasst rhómbos Schwirrholz, magischen Kreisel, Surren/Dröhnen und die Rautenform (sowie weitere Bedeutungen). 3 4
- Im Nordwestamazonien verknüpfen die mit Yuruparí bzw. dem barasanaischen He verbundenen Begriffe die Instrumente mit „der Welt der Ahnen/Vergangenheit/Geister“, nicht bloß mit „einem Flötensatz“. 5
Warum die Bezeichnungen für ein rotierendes Brett weiterhin „Seele“, „Wind“ oder „Großvater“ bedeuten#
Wo immer das Schwirrholz Verbreitung findet, wird sein tiefer, körperlos wirkender Klang lexikalisiert: Sprachen versehen ihn mit Wörtern für Person, Geist, Wind/Donner oder Ahne. Das ist nicht zufällig – Akustik dringt in die Ontologie ein. Die Tabelle versammelt belegte indigene Begriffe und ihre weiteren Bedeutungen, mit präzisen Quellenangaben aus Primärethnografien, Wörterbüchern oder Museumsdokumentationen. [^oai1]
Polysemie-Index (ausgewählte, quellenbelegte Beispiele)#
| Region | Volk / Sprache | Indigenes Wort / indigene Wörter für das Schwirrholz | Wörtliche Glosse | Weitere Bedeutungen / Assoziationen (Polysemie) | Quelle(n) |
|---|---|---|---|---|---|
| Südost-Australien (Gippsland) | Gunaikurnai (Kurnai) | tundun (groß); rukut tundun (klein) | „der Mann“ / „die Frau (Ehefrau)“ | Das große wird auch „Großvater“ (Weintwin/Miik-broan) genannt; gepaarte männliche und weibliche Instrumente bei der Initiation (Jeraeil). | Howitt, “The Jeraeil…” (1885) PDF. [^oai1] (Bullroarer Atlas: Kurnai tundun) |
| Südost-Australien | Yuin | mudthi | (Fachbegriff; in der Bildunterschrift bezeichnet) | Männerinitiation (Kuringal); heiliger Kontext der Yuin (in der regionalen Überlieferung einer hohen Wesenheit zugeschriebene Stimme). | Howitt, Native Tribes of South-East Australia (1904), Abbildungsverzeichnis mit dem Hinweis „Yuin bull-roarer, Mudthi.“ 6 (Bullroarer Atlas: Yuin Mudthi) |
| Eyre-See-Becken | Dieri | yuntha | (Fachbegriff; in der Bildunterschrift bezeichnet) | Initiationsinstrument; geheimer/heiliger Kontext. | Howitt, Native Tribes of South-East Australia (1904), „Dieri bull-roarer, Yuntha.“ 6 (Bullroarer Atlas: Dieri yuntha) |
| Süd-Queensland (Chepara) | Chepara | bribbun (Hauptinstrument); wabulkan (klein) | (—) | Wabulkan wird den Initianden gegeben; man glaubt, es enthalte einen Anteil der Wirkkraft des maßgeblichen bribbun – also übertragbare Potenz. | Nach den vom Pitt Rivers Museum (Oxford) zusammengefassten Briefen Howitts. 7 (Bullroarer Atlas: Chepara bribbun) |
| Zentralaustralien | Arrernte/Aranda | tjurunga / churinga (einschließlich Schwirrhölzern) | (heiliges „Amulett“/Brett) | Churinga enthalten den „Geistanteil“ einer Person; abgeschabter Staub wird getrunken, sodass die Essenz in die Verwandtschaft übergeht; heilige Verbindungen zu totemischen Ahnen. | Spencer & Gillen, Native Tribes of Central Australia (1899), Kapitel über churinga. (Bullroarer Atlas: Arunta/Arrernte churinga) |
| Aotearoa NZ | Māori | pūrerehua | „Motte/Schmetterling“ | Der Begriff bezeichnet sowohl das Insekt als auch das Instrument; Verwendung bei Heilungs- und Regenmachungsritualen. | Te Aka Māori Dictionary; Te Ara (taonga pūoro). 1 2 (Bullroarer Atlas: Māori pūrerehua) |
| Antikes Griechenland | Griechisch | ῥόμβος (rhómbos) | Surren/Dröhnen, „Raute“ | Polysemie: Schwirrholz, magischer Kreisel in Ritualen und Liebesmagie, Kreisel, Rautenform (und mehr). | Wiktionary (auf LSJ basierende Bedeutungen); Britannica „Rhombos.“ 3 4 (Bullroarer Atlas: Altgriechisch rhombos) |
| Nordwestamazonien (Vaupés) | Barasana (Tukanosprachen) | He (Bezeichnung für ein heiliges Set) | (—) | Polysemisch: im engeren Sinne die heiligen Flöten/Trompeten; im weiteren Sinne „ahnenbezogen“ und verweisend auf Vergangenheit/Geisterwelt/mythische Welt. | Stephen Hugh-Jones, The Palm and the Pleiades (1979) (Kapitel zur Terminologie). 5 |
| Nordwestamazonien (regional) | Tukanosprachige Völker und Nachbarn | Yuruparí / Yurupari / Jurupari (Komplex) | (Eigenname) | Kurzbezeichnung für den geheimen Männerkult und seine Instrumente; in mythischen Zyklen häufig ein Kulturheros bzw. Gesetzgeber; Initiationsritus. | Hugh-Jones (Überblick über den Gebrauch in der Region). 5 |
| Golf von Papua (PNG) | Gebiet Elema/Kerewa (Museumszuordnung) | imunu viki | „weinender Geist“ | Der Name rahmt das Dröhnen als Stimme/Schrei eines Geistes; zusammen mit Initiationsausstattung aufbewahrt. | The Met, Angaben zu Inventarnummer und Beschriftung. |
| Südwestliche USA (Apache) | Westliche Apache | tzi-ditindi | „klingendes Holz“ | Rituale zur Herbeirufung von Regen/Wind; heiliger Gebrauch durch Medizinmänner; vom Blitz getroffenes Holz wird bevorzugt. | J. G. Bourke, Medicine-Men of the Apache (1892). 8 (Bullroarer Atlas: Apache tzi-ditindi) |
| Südwestliche USA (Diné) | Navajo | tsin ndi’ni (Orthografie variiert) | „ächzendes Holz“ | Zeremonielles Gerät; in rituellen Vorschriften häufig als Kiefernholz bezeichnet, das vom Blitz getroffen wurde. | An Ethnologic Dictionary of the Navaho Language (1910); siehe auch ethnografische Zusammenfassungen. 9 (Bullroarer Atlas: Navajo tsin-di’ni) |
| Nördliche Prärie (USA/Kanada) | Gros Ventre (Atsina) | nakaantan | „Kälte erzeugend“ | Auch Bezeichnung für ein Thermometer; verbunden mit dem Glauben, dass das Schwirrholz Wind/Kälte hervorbringt. | Kroeber, Ethnology of the Gros Ventre (1908), p. 190. 10 |
| Kalifornien (USA) | Pomo (Binnenland) | (— Instrument zentral bei xalimatoto) | (—) | Das Dröhnen ist die Stimme des Donners in der Donnerzeremonie. (Der Begriff ist in der zitierten Quelle nicht dokumentiert; die Funktion ist belegt.) | Loeb, Pomo Folkways (1926), Donnerzeremonie. 11 |
| Südamerika (Überblick) | Verschiedene (z. B. Tupi-Guaraní, Bororo usw.) | mehrere | (—) | Die ethnografische Überlieferung zeigt funeräre Verwendungen, Vorstellungen von einer Geisterstimme und Initiationskomplexe. | Zerries, “The Bull-roarer among South American Indians” (1953). 12 |
Hinweise: (i) Wo ein Sprachfeld leer ist, dokumentiert die zitierte Quelle die Funktion/Polysemie, jedoch kein spezifisches indigenes Lexem. (ii) Die Orthografien folgen der Quelle; viele Formen sind heute standardisiert.
Was das Muster aussagt (und warum es sich wiederholt)#
Stimme des Unsichtbaren → Geist-/Ahnbegriffe. Arrernte tjurunga trägt den „Geistanteil“ und die übertragbare Essenz einer Person; das Kauen/Trinken des von ihm abgeschabten Staubs führt diese Semantik wörtlich aus. Das Kurnai-tundun ist „Großvater“ und männlich, gepaart mit einer „Ehefrau“ – eine geschlechtlich bestimmte Ontologie wird auf Instrumente abgebildet. [^oai1]
Wind-/Donnerakustik → Wetterbegriffe. Gros Ventre nakaantan = „Kälte erzeugend“ (auch Thermometer), während die Apache- und Navajo-Bezeichnungen den Klang hervorheben (klingend, ächzend) und außerdem vom Blitz getroffenes Holz thematisieren. Lautsymbolik und „Windpragmatik“ sickern in das Lexikon ein. 10 8
Mythische Komplexe → Sammelbezeichnungen. Im Nordwestamazonien bezeichnet Yuruparí sowohl einen Kult-/Instrumentenkomplex als auch einen Kulturheros/Gesetzgeber; das barasanische He wird ausdrücklich als polysemisch bezeichnet und auf „ahnenbezogen“, die Vergangenheit und das Geisterreich bezogen. Das Lexem wird zu einem Gelenk zwischen Ontologie und Gerät. 5
Domänenübergreifende Verschiebung. Māori pūrerehua führt von der Motte (Insekt) zum Schwirrholz, wahrscheinlich über ikonischen Klang/Flug; das griechische ῥόμβος bündelt Klang, Form, Spielzeug und Ritus in einem Stamm. Form-Bedeutungs-Rückkopplungen leisten hier einen wesentlichen Beitrag. 1 2 3 4
FAQ#
Q1. Bedeutet tjurunga „Schwirrholz“ oder „Seele“?
A. Beides – und mehr. Churinga/tjurunga bezeichnet heilige Bretter/Steine (einige davon sind Schwirrhölzer), die den Geistanteil einer Person enthalten; ihre „Essenz“ kann während der Riten aufgenommen werden. Es handelt sich um einen Objekt-Geist-Synkretismus, nicht um eine eindeutige Übersetzung.
Q2. Ist Yuruparí das Instrument oder der Ahne/das Gesetz?
A. Regional ist es all dies: ein geheimer Männerkomplex (Flöten, Trompeten, gelegentlich Schwirrhölzer), eine Klasse von Mythen und eine zivilisierende Heldenfigur – die genauen Bedeutungen variieren je nach Gruppe. Das barasanische He erfasst die Logik: „ahnenbezogen“ im weitesten Sinne. 5
Q3. Verwendeten die Griechen rhómbos tatsächlich für ein Schwirrholz?
A. Ja; Quellen glossieren ῥόμβος als den rituellen Kreisel in Mysterienkulten sowie als magisches Gerät bzw. surrenden Kreisel – dasselbe Wort bezeichnet auch die Rautenform. Polysemie ist hier eingebaut. 4 3
Q4. Warum bedeutet Māori pūrerehua sowohl „Motte“ als auch Schwirrholz?
A. Ikonische Zuordnung: Die flatternde Oszillation und das flirrende Timbre des Instruments rufen das Insekt ins Gedächtnis. Māori-Quellen definieren pūrerehua ausdrücklich für beides. 1 2
Fußnoten#
Quellen#
- The Bullroarer: An Interactive World Atlas — mit dieser Tabelle abgeglichen für den Kurnai-Tundun, den Yuin-Mudthi, den Dieri-Yuntha, den Chepara-Bribbun, die Arunta/Arrernte-Churinga, die Māori-Pūrerehua, den altgriechischen Rhombos, den Apache-Tzi-ditindi und die Navajo-Tsin-di’ni-Aufzeichnungen.
- Spencer, Baldwin & Gillen, Francis. The Native Tribes of Central Australia (1899), ch. “Churinga of the Arunta and other tribes.* (zu Churinga, die den Geistanteil einer Person enthalten, und zur Übertragung der „Essenz“).
- Howitt, A. W. The Jeraeil, or Initiation Ceremonies of the Kurnai Tribe (1885) (PDF). (Kurnai tundun “the man,” rukut tundun “the woman,” “Grandfather” Bezeichnungen). [^oai1]
- Howitt, A. W. Native Tribes of South-East Australia (1904), Wikisource edition. (Abbildungsliste zur Dokumentation von Mudthi [Yuin] und Yuntha [Dieri] als Schwirrhölzer). 6
- Pitt Rivers Museum (Oxford). “Howitt–Tylor papers” (archival summary). (Chepara-bribbun und wabulkan; Initiationsritual “virtue”). 7
- Te Aka Māori Dictionary. “pūrerehua.” (Motte/Schmetterling; Instrument). 1
- Te Ara – Encyclopedia of New Zealand. “Māori musical instruments – taonga pūoro.” (Verwendung des Schwirrholzes zur Heilung/Regenmacherei). 2
- Britannica. “Rhombos.” (Schwirrholz in griechischen Riten). 4
- Wiktionary. “ῥόμβος (rhómbos).” (aus dem LSJ abgeleitete Bedeutungsaufzählung: Schwirrholz, magisches Rad/Kreisel, Rhombus usw.). 3
- Hugh-Jones, Stephen. The Palm and the Pleiades: Initiation and Cosmology in Northwest Amazonia (1979)—chapter excerpts. (zu Yuruparí als Kurzform und He als polysemischem “ancestral/past/spirit world”). 5
- The Metropolitan Museum of Art. “Bullroarer (imunu viki) — ‘weeping spirit’” (collection entry). (Golf von Papua; Glosse und ritueller Kontext).
- Bourke, John G. The Medicine-Men of the Apache (1892), Project Gutenberg text. (Apache-tzi-ditindi “sounding wood,” ritueller/Wetterkontext). 8
- Franciscans of St. Michaels. An Ethnologic Dictionary of the Navaho Language (1910), Internet Archive record. (lexikalische Quelle für tsin ndi’ni “groaning stick”). 9
- Kroeber, A. L. Ethnology of the Gros Ventre (1908) (PDF). (Gros-Ventre-nakaantan “making cold,” ebenfalls “thermometer”). 10
- Zerries, Otto. “The Bull-roarer among South American Indians” (1953) (PDF). (südamerikanische Übersicht über Funktionen/Termini). 12
