Kurzfassung

  • Atonement begann als at onement „Zustand des Einsseins; Versöhnung“ (um 1513).
  • Morphologie = at (altenglische Präposition) + one (PIE *óynos) + -ment (französische deverbale Nominalendung).
  • Die theologische Bedeutung „Christi versöhnendes Wirken“ kristallisierte sich nach Tyndales Übersetzung des NT von 1526 heraus.
  • Die Neubildung zeigt, wie das Frühneuenglisch einheimische Wurzeln und französische Affixe kannibalisierte, um lexikalische Lücken zu schließen.
  • Unter der Volksetymologie liegt eine Momentaufnahme des Englischen, das sich noch zu einem vollwertigen literarischen Medium hocharbeitete.

Unter der Volksetymologie von „at-one-ment“ liegt eine Momentaufnahme des Frühneuenglischen, das sich noch zu einem vollwertigen literarischen Medium hocharbeitete, indem es einheimische Wurzeln und fremde Affixe kannibalisierte.
— Lass (2022)

Für die theologische Geschichte, wie diese Neubildung die lateinischen, griechischen und hebräischen Grundbegriffe verdrängte, siehe die ergänzende Studie „Von Reconciliatio zu Atonement.

Von der Phrase zum Lexem: At onementatonement#

Der früheste Beleg findet sich in einer Kanzleipetition (1513), in der darum gebeten wird, „they myght come to at onement“ („sie mögen zu at onement gelangen“).
Hier bedeutete at one „in Harmonie“, und ‑ment (über das Anglofranzösische ‑ement) nominalisierte die gesamte Verbindung.[^1]
Um 1530 verschmolz William Tyndale, dem fertige englische theologische Begriffe fehlten, die Phrase in seinem Pentateuch zu atonement: „to make an atonement for the soul“ („eine Sühne für die Seele zu leisten“).
Der Druck legte die Schreibweise fest, und die Kanzeln legten die Bedeutung fest.

Morphologischer Tiefenblick#

BestandteilQuelleUrsprüngliche BedeutungAnmerkung
atAltenglisch æt„nahe, zu“Verwandt mit got. at, anord. at
oneae. ānPIE óynos„einzeln, vereinigt“Protozahlwurzel, die im Lateinischen unus wiederauftritt
-mentAltfranzösisch -ment ← Lat. -mentum„Handlung/Ergebnis“Man denke an government, fulfilment

Ein kurzer semantischer Zeitstrahl#

  1. 1513‑1525 (sozial/rechtlich) – „Beilegung von Rechnungen oder Streitigkeiten“.
  2. 1526‑1611 (biblisch) – Tyndale und die KJV festigen die Opfernuance.
  3. 1650‑1800 (doktrinal) – Calvinisten debattieren über begrenzte versus universale Sühne; das Wort erlangt eine Mystik mit großem A.
  4. 19.–20. Jh. (figurativ) – „He made atonement with his past“ („Er söhnte sich mit seiner Vergangenheit aus“) weitet den Gebrauch aus; die volksetymologische Rückbildung „at‑one‑ment“ wird in Predigten populär.

Fußnoten#


Quellen#

  1. Oxford English Dictionary Online. “Atonement.” Zugriff am 1. Aug. 2025.
  2. Tyndale, W. The New Testament, Worms 1526; Hrsg. Daniell, D., Yale UP, 1995.
  3. Lass, R. History of English Lexicology. Cambridge UP, 2022.
  4. Skeat, W. W. Etymological Dictionary of the English Language. Clarendon, 1910.
  5. Durkin, P. “The Impact of French on English Word-Formation.” Transactions of the Philological Society 120 (2023): 145-181.
  6. McGrath, A. Iustitia Dei: A History of the Christian Doctrine of Justification. Cambridge UP, 2021.
  7. Hoad, T. F. English Word-Formation in the Early Modern Period. Routledge, 2024.